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Die Kirche ist nicht das eigentliche Thema


Kirchenaustritte, Vertrauensverlust und eine Gesellschaft auf der Suche nach Halt:  Diözesanbischof Wilhelm Krautwaschl und Weihbischof Johannes Freitag sprechen offen über Fehler, Zweifel und Veränderungen – und darüber, was Menschen heute wirklich brauchen.

Kirchenaustritte, Vertrauenskrise, leere Kirchenbänke. Wer heute über die katholische Kirche spricht, landet schnell bei Zahlen und Skandalen. Dabei erzählen Zahlen nur einen Teil der Geschichte. Die andere handelt von einer Gesellschaft, die sich verändert hat. Noch nie hatten Menschen so viele Möglichkeiten, ihr Leben selbst zu gestalten, noch nie war die Freiheit so groß – und gleichzeitig scheint bei vielen das Gefühl zu wachsen, dass etwas fehlt. Orientierung. Gemeinschaft. Halt.

Genau dort setzen zwei Männer an, die diesen Wandel aus nächster Nähe erleben. Diözesanbischof Wilhelm Krautwaschl steht seit 2015 an der Spitze der Katholischen Kirche in der Steiermark, seit einem Jahr wird er von Weihbischof Johannes Freitag unterstützt. Gemeinsam tragen sie Verantwortung für eine Kirche, die schwierige Jahre hinter sich hat und vor großen Veränderungen steht. Sie kennen die Austrittszahlen, hören die Kritik und wissen um verlorenes Vertrauen. Trotzdem klingt keiner von beiden nach Resignation.

Im Gegenteil. Bischof Johannes räumt offen ein, dass die Kirche oft zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen sei. Gerade junge Menschen würden keine perfekte Institution suchen, sondern glaubwürdige Menschen. Sie wollten ernst genommen werden und erleben, dass jemand zuhört, bevor er Antworten gibt. Auch Bischof Wilhelm widerspricht der Kritik nicht: „Ja, das ist so.“ Gleichzeitig verweist er auf tausende Ehrenamtliche, Priester, Diakone und Mitarbeiter, die täglich für andere da sind.

Besonders schwer wiegt bis heute der Vertrauensverlust durch Missbrauch. Wilhelm Krautwaschl sagt, das Thema schmerze nach wie vor. Die Kirche habe Fehler gemacht, Regeln verschärft und mit der Aufarbeitung begonnen. Ungeschehen machen lasse sich menschliches Versagen nicht.

Und auch Zweifel sind einem Bischof nicht fremd. Angesichts von Krieg, Tod und Zerstörung kenne er solche Momente, erzählt Bischof  Wilhelm. Was ihn dennoch trägt, sei die Überzeugung, dass am Ende das Gute siegen werde. Bischof Johannes spricht ebenfalls von Sorgen und manchmal auch von Zweifeln. Hoffnung sei für ihn aber mehr als bloßer Optimismus.

Vielleicht ist genau das der Moment, an dem dieses Gespräch aufhört, nur eines über Kirche zu sein. Denn beide kommen immer wieder auf Fragen zurück, die nahezu jeden Menschen irgendwann beschäftigen: Wer bin ich? Wofür lebe ich? Was trägt mich, wenn etwas zerbricht? Wie gehe ich mit Schuld um? Was passiert nach dem Tod? Was ist der Sinn meines Lebens?

Johannes Freitag erlebt gerade bei jungen Menschen eine Sehnsucht nach Tiefe in einer Zeit permanenter Beschleunigung und ständiger Ablenkung. Gleichzeitig sagt er klar, warum die Kirche viele von ihnen nicht mehr erreicht: Ihre Sprache sei oft zu abstrakt und zu weit weg vom wirklichen Leben. Junge Menschen wollten nicht moralisiert, sondern gehört und beteiligt werden. Wenn Johannes Freitag etwas verändern könnte, würde er deshalb vor allem in Begegnungen und Beziehungen investieren.

Dass die Kirche der Zukunft kleiner sein wird, daran zweifelt er nicht. Wahrscheinlich werde sie auch ärmer an Strukturen und weniger selbstverständlich sein. Darin sieht Johannes Freitag aber auch eine Chance: Christsein werde stärker zur persönlichen Entscheidung und weniger zur Gewohnheit. Größe allein sei schließlich kein Qualitätskriterium.

Veränderung macht auch vor klassischen Reizthemen nicht halt. Johannes Freitag sieht beim Zölibat eine bewusst gewählte Lebensform, die Freiheit für den Dienst an Menschen schenken könne. Wilhelm Krautwaschl verweist darauf, dass es innerhalb der katholischen Kirche durchaus verheiratete Priester gibt. Bei der Rolle der Frauen wird Johannes Freitag deutlich: Ohne Frauen wäre kirchliches Leben in vielen Bereichen gar nicht möglich. Deshalb brauche es mehr Beteiligung an Verantwortung, Leitung und theologischer Entwicklung.

Auch politisch wollen sich die beiden nicht verstecken. Ein Bischof müsse politisch sein, sagt Wilhelm Krautwaschl, wenn es um Armut, Benachteiligung, Frieden oder die Verantwortung für die Schöpfung gehe – Parteipolitik sei etwas anderes. Gemeinsam ziehen beide eine klare Grenze, wenn Menschen ausgegrenzt, Gruppen gegeneinander ausgespielt und Vorurteile geschürt werden.

Und dann ist da noch die Frage: Wenn Jesus heute in die Steiermark käme – würde er sich in seiner Kirche wohlfühlen? Wilhelm Krautwaschl glaubt ja. Allerdings würde Jesus einiges kritisieren: Armut in einer reichen Gesellschaft, Hunger, Kriege, Gewalt und unseren Umgang mit der Schöpfung. Vielleicht, meint Wilhelm Krautwaschl, wäre er aber auch überrascht, was aus jener kleinen Bewegung geworden ist, die vor zweitausend Jahren im Nahen Osten begann.

Die Zukunft dieser Bewegung wird anders aussehen als ihre Vergangenheit. Weniger Mitglieder, weniger Selbstverständlichkeit, möglicherweise weniger Geld und Strukturen. Das verschweigen Bischof Wilhelm und Bischof Johannes nicht. Trotzdem sprechen beide häufiger über Hoffnung als über Verlust.

Denn vielleicht ist die entscheidende Frage gar nicht, wie groß die Kirche in zwanzig Jahren sein wird. Sondern was Menschen dann brauchen werden. Was gibt meinem Leben Sinn? Wo gehöre ich hin? Wer ist da, wenn es schwierig wird? Was trägt mich, wenn das, worauf ich gebaut habe, plötzlich nicht mehr trägt?

Deshalb ist die Kirche am Ende vielleicht tatsächlich nicht das eigentliche Thema. Das eigentliche Thema ist der Mensch. Seine Sehnsucht nach Sinn. Sein Wunsch nach Gemeinschaft. Seine Suche nach Hoffnung.

Und diese Suche, davon sind Bischof Wilhelm und Bischof Johannes überzeugt, wird nicht verschwinden.

 

 

Weihbischof Johannes Freitag und Diözesanbischof Wilhelm Krautwaschl

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