Die steirischen Spitäler stehen vor einem historischen Umbau: mehr Digitalisierung, neue Arbeitszeitmodelle, steigender Kostendruck – und gleichzeitig höhere Erwartungen der Patienten. KAGes-Vorstand Ulf Drabek spricht über die Medizin von morgen, künstliche Intelligenz, den Kampf um Fachkräfte und warum Technologie den Menschen niemals ersetzen darf.
Wenn Ulf Drabek über Krankenhäuser spricht, spricht er nicht zuerst über Zahlen, Budgets oder Geräte. Er spricht über Menschen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum der Technik- und Finanzvorstand der KAGes die Zukunft des steirischen Gesundheitswesens anders denkt als viele andere: digitaler, effizienter – aber gleichzeitig menschlicher. Denn die Herausforderungen sind gewaltig. Die Bevölkerung wird älter, medizinische Leistungen werden komplexer, gleichzeitig fehlen in ganz Europa Fachkräfte. Dazu kommen steigende Kosten, neue Arbeitsmodelle und ein Gesundheitssystem, das unter massivem Druck steht.
Für Ulf Drabek ist klar: Die Gesundheitsversorgung muss sich verändern – aber ohne ihren Kern zu verlieren. „Menschen helfen Menschen wird auch in Zukunft gelten“, sagt er. Und genau dieser Satz zieht sich wie ein roter Faden durch seine Vision für die KAGes. Die steirischen Spitäler sollen in den kommenden Jahren nicht nur moderner werden, sondern auch effizienter organisiert. Digitalisierung spielt dabei eine Schlüsselrolle. Die KAGes gilt schon heute als Vorreiter: elektronische Fieberkurven, digitale Patientenakten, e-Rezepte oder softwareunterstützte Befundung sind längst Realität. Künstliche Intelligenz wird bereits in mehreren Bereichen eingesetzt. Nach Schlaganfällen unterstützt sie Therapieentscheidungen, bei Lungenerkrankungen hilft sie bei der Auswertung von CT-Aufnahmen und auch bei der Früherkennung neurodegenerativer Erkrankungen kommen KI-Systeme zunehmend zum Einsatz.
Doch Vorstand Ulf Drabek sieht darin nicht die Zukunft eines automatisierten Krankenhauses – sondern eine Entlastung für jene Menschen, die täglich im Gesundheitswesen arbeiten. „Wenn die richtige Person im richtigen Moment verlässlich die benötigte Information erhält, erhöht sich die Patientensicherheit und senkt sich der Zeitaufwand beim Personal.“ Die Technik soll Ärzten und Pflegekräften Zeit zurückgeben. Zeit für Gespräche. Zeit für Betreuung. Zeit für Menschlichkeit.
Dabei wächst die technische Infrastruktur der KAGes rasant. Besonders das LKH-Universitätsklinikum Graz entwickelt sich zu einem medizinischen Hochtechnologiestandort. Die neue Universitätsklinik für Radiologie gilt als eines der Zukunftsprojekte der kommenden Jahre. Ab Herbst 2026 sollen dort im Bereich der Nuklearmedizin völlig neue Möglichkeiten in der Krebsbehandlung entstehen. Ohne moderne IT wäre ein Krankenhausbetrieb heute ohnehin kaum noch denkbar. Die digitale Dokumentation bildet längst das Rückgrat des Systems. Allergiewarnungen erscheinen automatisch, Bilddaten sind standortübergreifend abrufbar, Ambulanzbefunde können digital eingesehen werden.
Und dennoch betont Ulf Drabek immer wieder die Grenzen der Technologie. „Die Technik ist nur so gut wie der Mensch, der sie bedient.“ Die KI bleibe Werkzeug – nicht Entscheidungsträger. Die Verantwortung liege weiterhin bei Ärzten, Pflegekräften und Therapeuten.
Parallel dazu verändert sich auch die Arbeitswelt im Krankenhaus massiv. Teilzeitmodelle nehmen stark zu. Beim Pflegepersonal arbeitet mittlerweile bereits mehr als die Hälfte in Teilzeit, im ärztlichen Bereich liegt die Quote bei rund 37 Prozent. Für die Organisation der Spitäler bedeutet das enorme Veränderungen. Mehr Übergaben. Mehr Abstimmung. Größere Teams. Höherer Koordinationsaufwand. Die KAGes versucht darauf zu reagieren – mit flexibleren Arbeitszeitmodellen, familienfreundlicheren Strukturen und zusätzlichen Angeboten für Mitarbeiter. Pendler erhalten das steirische Klimaticket, Jobräder werden gefördert, in Fortbildung wird massiv investiert. Und offenbar mit Erfolg. „Bis auf wenige Ausnahmen können wir derzeit alle Stellen besetzen“, sagt Ulf Drabek.
Tatsächlich gilt die KAGes mit mehr als 19.000 Mitarbeitern längst nicht mehr nur als Gesundheitskonzern, sondern auch als einer der wichtigsten Arbeitgeber des Landes. Daraus entstehe auch gesellschaftliche Verantwortung. Diese Verantwortung geht für Ulf Drabek mittlerweile weit über Medizin hinaus. Auch Nachhaltigkeit und Klimaschutz seien Teil moderner Gesundheitsversorgung geworden. Mit der Strategie „PROKlima+“ verfolgt die KAGes das Ziel, bis 2040 klimaneutral zu werden. Nachhaltiges Bauen, erneuerbare Energie, Abfallreduktion und umweltfreundliche Mobilität gehören mittlerweile zur Unternehmensstrategie. „Wer die Umwelt schützt, leistet auch einen Beitrag zur Gesundheitsprävention.“
Gleichzeitig laufen die Vorbereitungen für die Gesundheitsversorgung der Zukunft. Der Regionale Strukturplan Gesundheit 2030 bringt Veränderungen an vielen Standorten mit sich – und sorgt nicht überall für Begeisterung. Ulf Drabek weiß, dass Reformen Widerstand auslösen. Trotzdem hält er sie für alternativlos. „Unter den gegebenen Rahmenbedingungen sind die Umstellungen zur Aufrechterhaltung des Systems unabdingbar.“ Sein Ziel sei es, ein Gesundheitssystem zu gestalten, das auch mit knapper werdenden Ressourcen langfristig funktioniert.
Dabei zeichnet er ein erstaunlich klares Bild des Krankenhauses im Jahr 2030: Patienten sollen möglichst kurz im Spital bleiben, viele Eingriffe werden minimalinvasiv durchgeführt, Tageskliniken und Spezialambulanzen gewinnen weiter an Bedeutung. Gleichzeitig sollen moderne Technik und automatisierte Prozesse dafür sorgen, dass Ärzte und Pflegekräfte wieder mehr Zeit für den eigentlichen Kern ihrer Arbeit haben.
Trotz aller Herausforderungen wirkt Ulf Drabek bemerkenswert ruhig. Nicht alarmistisch. Nicht ideologisch. Sondern sachlich und lösungsorientiert. Vielleicht auch deshalb, weil er die KAGes seit Jahrzehnten kennt. Bereits 1999 begann er als IT-Organisator im Unternehmen. Diese Zeit habe ihn geprägt, sagt er heute. „Nur wenn Projekte dem Patientennutzen dienen, sind sie weiterzuverfolgen.“ Es ist ein Satz, der viel über seinen Zugang verrät. Denn am Ende geht es für ihn offenbar weder um Digitalisierung noch um Strukturreformen allein. Sondern um die Frage, wie Gesundheitsversorgung auch in Zukunft funktionieren kann – menschlich, finanzierbar und modern zugleich. Oder anders formuliert: Das Krankenhaus der Zukunft braucht vielleicht mehr Technologie als je zuvor. Aber noch mehr braucht es Menschen, die wissen, warum sie eingesetzt wird.
Für Ulf Drabek bedeutet Zukunft nicht nur neue Technologie und moderne Medizin. Entscheidend sei auch, vorhandene Ressourcen klug zu nutzen und nachhaltig zu wirtschaften. „Nicht die Fläche heilt Menschen. Es sind die Menschen, die dort arbeiten.“
Diese Haltung prägt auch seinen Zugang zum Thema Umwelt und Nachhaltigkeit. Für ihn gehören Gesundheitsversorgung und Umweltschutz untrennbar zusammen.
Familie als Kraftquelle
Wer glaubt, ein KAGes-Vorstand könne nach Dienstschluss einfach abschalten, irrt. Strategische Entscheidungen, Personalfragen und Zukunftsprojekte begleiten Ulf Drabek oft auch nach Hause. Den wichtigsten Ausgleich findet er dennoch in seiner Familie. „Man muss mit seinem Zeitkontingent sorgsam umgehen. Die Zeit, die übrig bleibt, gehört bei mir ganz klar der Familie.“ Gemeinsam mit seiner Partnerin und den beiden kleinen Söhnen im Alter von zwei und vier Jahren verbringt er jede freie Minute. Die Kinder seien fordernd, sagt er mit einem Lächeln – gleichzeitig aber der beste Weg, den Kopf frei zu bekommen.
Besonders schätzt Ulf Drabek den unverstellten Blick seiner Kinder auf die Welt. „Kinder denken ohne Vorurteile. Sie zeigen uns, dass es oft mehr als nur einen Blickwinkel gibt.“
Freie Sonntage beginnen bei ihm mit einem gemütlichen Frühstück und enden meist im Kreis von Familie, Freunden oder Verwandten. Für frühere Hobbys bleibt aktuell wenig Zeit. Motorradfahren, Sport oder Skifahren mussten in den Hintergrund rücken. Eine Leidenschaft ist geblieben: „Mein Herz schlägt für den GAK. Die Heimspiele lasse ich mir nach Möglichkeit nicht entgehen.“
Und wann vergisst er, dass er Vorstand eines der größten Unternehmen des Landes ist? „Wenn ich einkaufen gehe oder privat unterwegs bin. Mir ist es nicht wichtig, als Vorstand erkannt zu werden.“
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