Leerstand, Parkplatzchaos, Unsicherheit – und dennoch Hoffnung: Warum immer mehr Menschen wegbleiben – und was jetzt passieren muss. Wirtschaftsstadtrat Kurt Hohensinner im Frühstücksgespräch.
„Es schmerzt sehr.“ Kein politisches Schlagwort, keine kalkulierte Formulierung – sondern ein ehrlicher Befund. Kurt Hohensinner spricht über die Grazer Innenstadt, und man merkt schnell: Hier geht es um mehr als Zahlen, mehr als Stadtentwicklung. Es geht um Identität. Um das Herz einer Stadt, das an Kraft verliert. „Dieses Herz schlägt heute deutlich schwächer als noch vor einigen Jahren“, sagt er. Und die Realität ist deutlich: Über 40 Prozent der Menschen kommen seltener oder gar nicht mehr. Eine Zahl, die nicht nur eine Entwicklung beschreibt – sondern ein Gefühl. Ein Gefühl, dass etwas verloren geht.
Und doch liegt genau darin der Widerspruch: Die Grazer Innenstadt ist heute gleichzeitig ein Sorgenkind – und eine riesige Chance. Denn das Potenzial ist da, spürbar, greifbar. Die historische Kulisse, die Lage, die Betriebe, die Menschen. „Graz könnte viel stärker sein“, sagt Hohensinner. Aber genau das passiere derzeit nicht. Statt Aufbruch sieht er Stillstand. Statt Lösungen neue Probleme. Und genau das, so seine Kritik, sei politisch hausgemacht.
Das Problem beginnt nicht erst in der Innenstadt selbst. Es beginnt davor. Beim Weg hinein. „Viele würden ja gerne kommen“, sagt Hohensinner. „Aber genau das wird ihnen zunehmend schwer gemacht.“ Parkplatzsuche, Verkehr, Baustellen – für viele ist der Besuch längst kein spontaner Ausflug mehr, sondern ein Kraftakt. Rund ein Drittel nennt die Parkplatzsuche als größte Hürde. Eine Zahl, die mehr ist als Statistik. Sie erklärt, warum Menschen sich anders entscheiden. Gegen die Innenstadt. Für das Einkaufszentrum. Für den einfacheren Weg. „Wenn der Weg in die Stadt mühsam wird, bleiben die Menschen weg.“ So nüchtern lässt sich ein schleichender Verlust zusammenfassen.
Besonders schmerzhaft ist die Entwicklung im Umland. Dort bleibt mittlerweile fast jeder Zweite eher fern, ein Teil kommt gar nicht mehr. Was wie ein Detail wirkt, ist in Wahrheit ein strukturelles Problem. Denn mit diesen Menschen verschwindet nicht nur Frequenz. Es verschwindet Kaufkraft. Es verschwinden Umsätze. Und am Ende auch Arbeitsplätze.
Kaum ein Thema steht so sehr für diesen Wandel wie das Parken. Für viele ein Ärgernis, für Hohensinner ein politischer Fehler mit Ansage. „Das Problem wurde absolut unterschätzt“, sagt er. Rund 20 Prozent nennen es als Hauptgrund, warum sie wegbleiben, gleichzeitig empfindet etwa die Hälfte das Angebot als schlecht. Für ihn ist klar: Hier wurde nicht pragmatisch entschieden, sondern ideologisch. Rund 2.000 Parkplätze seien gestrichen worden – trotz Warnungen. Das Ergebnis ist spürbar: Die Menschen weichen aus. Dorthin, wo es einfacher ist. Schneller. Bequemer. Die Innenstadt verliert – leise, aber spürbar.
Doch die Folgen gehen tiefer. Leerstehende Geschäfte sind sichtbar, aber sie sind nur die Oberfläche. „Leerstand ist die Folge. Das eigentliche Problem ist fehlende Frequenz.“ Ohne Menschen keine Umsätze, ohne Umsätze keine Betriebe. Gleichzeitig verändert sich die Funktion der Innenstadt. Sie wird mehr zum Ort der Begegnung als des Einkaufens. Gastronomie, Treffen, Erleben – das zieht weiterhin Menschen an. Und zeigt: Die Innenstadt lebt noch. Aber anders. Fragiler. „Eine Innenstadt braucht beides“, sagt Hohensinner. „Erlebnis und Alltag.“ Wenn eines fehlt, gerät das Gleichgewicht ins Wanken.
Und genau dieses Gleichgewicht scheint verloren gegangen zu sein. Nicht nur wirtschaftlich – auch emotional. „Das Lebensgefühl geht dort verloren, wo Struktur verloren geht“, sagt er. Wenn Erreichbarkeit nicht funktioniert, wenn Entwicklung kein klares Konzept hat, wenn alles Stückwerk bleibt, dann verliert eine Stadt ihre Selbstverständlichkeit. Ihre Leichtigkeit. Das, was sie einst ausgemacht hat.
Ein Thema, das dabei oft zu wenig ausgesprochen wird, ist die Sicherheit. „Wenn Menschen sich unwohl fühlen, kommen sie nicht.“ Gerade Frauen berichten zunehmend von Unsicherheit, vor allem abends. Für Hohensinner ist klar: Das darf kein Randthema sein. Sicherheit ist Grundlage. Nicht Zusatz. Mehr Licht, mehr Präsenz, gezielte Maßnahmen – für ihn sind das keine Details, sondern Voraussetzungen.
Seine Kritik wird im Laufe des Gesprächs deutlicher, schärfer. „Zu viel Ideologie, zu wenig Hausverstand“, sagt er. Für ihn zeigt sich das Problem besonders klar an der Erreichbarkeit. „Wenn ein Drittel der Menschen an der Parkplatzsuche scheitert, dann ist das kein Nebenthema – das ist das zentrale Problem.“ Und gleichzeitig ein Beispiel dafür, wie weit politische Wahrnehmung und Lebensrealität auseinanderliegen können.
Doch so klar die Kritik ist, so klar ist auch sein Blick nach vorne. Die Lösungen sind für ihn keine Visionen, sondern konkrete Schritte: Erreichbarkeit sichern. Parken verbessern. Den Branchenmix stärken. „Wieder eine Innenstadt schaffen, die funktioniert.“
Und dennoch: Bei aller Kritik bleibt Hoffnung. „Die Innenstadt hat enormes Potenzial“, sagt Hohensinner. „Wir haben tolle Betriebe, engagierte Menschen – wir müssen ihnen nur wieder die richtigen Rahmenbedingungen geben.“ Es ist dieser Glaube, der bleibt – dass es noch nicht zu spät ist.
Und dann ist da noch dieser persönliche Moment. Sein Lieblingsort? Der Schlossberg. „Abgedroschen – aber trotzdem ein besonderer Kraftort für mich.“ Vielleicht, weil man von dort oben alles sieht: das, was war – und alles, was noch kommen kann. Und vielleicht auch, weil genau dort klar wird, worum es jetzt geht: nicht um Einzelmaßnahmen, sondern um die Zukunft einer Innenstadt, die gerade dabei ist, zu entscheiden, ob sie wieder stärker schlagen wird.
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