Wenn Macht leise wird


Von außen betrachtet ist es still. Das Wasser fließt, klar, kalt, scheinbar unverändert. Doch unter der Oberfläche fehlt etwas. Immer öfter. Immer dramatischer. Peter Schröcksnadel steht am Ufer, die Hände in den Taschen, den Blick im Wasser. Kein Termin drängt, kein Mikrofon wartet. Wer ihn nur aus seiner Zeit an der Spitze des österreichischen Spitzensports kennt, würde ihn hier kaum erwarten. Und doch ist genau das der Ort, an dem seine vielleicht wichtigste Aufgabe begonnen hat.

Peter Schröcksnadel war jahrzehntelang eine der einflussreichsten Figuren des heimischen Sports. Als Präsident des Österreichischen Skiverbands und Vizepräsident des Österreichischen Olympischen Comités war er es gewohnt, Entscheidungen zu treffen, Systeme zu formen, Erfolge zu messen. Heute misst er anders. Nicht in Medaillen. Sondern in dem, was fehlt.

Bachforellen, Äschen, Huchen – Fischarten, die über Jahrtausende die alpinen Gewässer Österreichs prägten, sind vielerorts dramatisch zurückgegangen. In manchen Flüssen haben sich die Bestände binnen weniger Jahrzehnte halbiert. In anderen – wie an Teilen der Drau – sind sie nahezu verschwunden. „Fische sterben leise“, sagt Schröcksnadel. „Und genau deshalb werden sie oft übersehen.“

Verbauung, Stoffeinträge, Klimaveränderungen, Schwall- und Sunkmanagement der Wasserkraft – die Ursachen sind bekannt. Und doch greift die Erklärung zu kurz. Denn zunehmend zeigt sich: Auch dort, wo Wasserqualität und Struktur stimmen, erholen sich die Bestände nicht mehr.

Hier beginnt ein Thema, das lange tabuisiert wurde: der aus dem Gleichgewicht geratene Prädatorendruck. Fischotter, Kormoran, Reiher oder Gänsesäger – streng geschützt, erfolgreich in der Ausbreitung – treffen vielerorts auf Fischpopulationen, die bereits geschwächt sind.

Es geht dabei nicht um Schuldzuweisungen. Sondern um eine nüchterne Frage: Wie viel Belastung hält ein System aus, bevor es kippt? Aus dieser Frage entstand der River and Nature Trust. Eine Initiative, die sich bewusst nicht als Protestbewegung versteht, sondern als Plattform. Für Wissenschaft. Für Praxis. Für eine Debatte, die Komplexität zulässt.

Das Leitbild ist klar: Artenschutz braucht Balance. Nicht als Schlagwort, sondern als Arbeitsauftrag. Der Trust setzt auf wissenschaftliche Begleitung, auf Monitoring, auf regionale Lösungen. An der Großen Mühl im Mühlviertel wurden erstmals alle potenziellen Laichplätze entlang des gesamten österreichischen Flusslaufs kartiert – gemeinsam mit der BOKU Wien. Am Kapellenbach in Tirol zeigte sich exemplarisch, wie rasch lokale Populationen kollabieren können, wenn Rückzugsräume fehlen und zusätzlicher Druck auf ohnehin fragile Bestände trifft.

2025 veränderte sich die Wahrnehmung. Mit dem Tag der Bachforelle holte der River and Nature Trust das Thema aus der Fachnische. Wissenschaft, Medien und Politik kamen zusammen. Die Bachforelle stand dabei symbolisch für das, was auf dem Spiel steht: sauberes Quellwasser, funktionierende Ökosysteme, natürliche Reproduktion.

Unterstützt wurde Schröcksnadel von prominenten Weggefährten aus dem Sport, wie Annemarie Moser-Pröll und Ernst Vettori. Ein Schulterschluss, der zeigte: Verantwortung endet nicht mit dem Karriereende. Und auch von der Jugend, wie Olympiateilnehmer Raphael Haaser.

Ein zentrales Element des Trusts ist der Dialog. Mit Bewirtschaftern, mit Behörden, mit der Politik. Unterstützt wird diese Arbeit von Botschaftern wie Johannes Hauser, dem Stanglwirt. Als Gastronom, Landwirt und Fischereibewirtschafter steht er für Kreislaufwirtschaft – und für die Überzeugung, dass Nachhaltigkeit nur im Zusammenspiel funktioniert.

Ziel ist es, in jedem Bundesland aktive Ansprechpartner zu etablieren. Menschen, die vermitteln. Zwischen Emotion und Fakten. Zwischen Naturschutz und Nutzung.

Rund 690.000 Fischerinnen, Fischer und Bewirtschafter in Österreich erleben die Veränderungen unmittelbar. Doch die Folgen reichen weit darüber hinaus. Flüsse sind Trinkwasserspeicher, Lebensadern der Landschaft, wirtschaftliche Grundlage für Tourismus, Landwirtschaft und Energie. Geht ihre Balance verloren, verlieren wir mehr als einzelne Arten.

Peter Schröcksnadel hat den Applaus gegen Aufmerksamkeit für das Unsichtbare eingetauscht. Seine neue Bühne ist kleiner, leiser – aber nicht weniger bedeutend. „Wir müssen den Mut haben, unbequeme Fragen zu stellen“, sagt er. „Sonst haben unsere Flüsse keine Zukunft.“

Wer tiefer eintauchen will, findet diese Haltung auch in seinem Buch Im Namen der Flüsse, das er gemeinsam mit dem Journalisten Max Mahdalik verfasst hat. Vielleicht ist das die Essenz dieser Geschichte: Macht, die leise wird. Und genau dadurch wirkt.

Peter Schröcksnadel und der Kampf um die Balance unserer Flüsse

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