„Graz ist keine Stadt, die laut sein muss, um Eindruck zu machen. Sie wirkt“, so Prof. Andreas Wedrich, „überschaubar, lieblich, mit südlichem Flair“. Vielleicht ist es genau diese Atmosphäre, die erklärt, warum einer der renommiertesten Augenärzte des Landes zwar aus Wien stammt, sein berufliches Zuhause aber längst in der Steiermark gefunden hat. Hier, am LKH-Universitätsklinikum Graz, arbeitet er als Professor der Medizinischen Universität Graz in einem Ensemble, das nicht nur durch seine Verflechtung mit der Medizinischen Universität medizinisch, sondern auch architektonisch einzigartig ist: das größte noch aktive Jugendstil-Spitalsareal Europas, gefühlvoll erweitert durch hochmoderne Infrastruktur. Ein Ort, an dem Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Medizin aufeinandertreffen.
Ein kleines Organ – ein ganzes Universum
Die Geschichte der Augenheilkunde in Graz reicht bis ins Jahr 1829 zurück. Damals, in der Paulustorgasse, wurden erste operative Behandlungen durchgeführt. Seit dem Umzug an den Auenbruggerplatz im Jahr 1912 ist die Universitäts-Augenklinik ein fixer Bestandteil der Spitzenmedizin – und heute eine der bedeutendsten augenheilkundlichen Einrichtungen Österreichs.
Prof. Wedrichs Weg in die Medizin begann ungewöhnlich früh – und überraschend konkret. Noch während seiner Schulzeit brachte sein Geigenlehrer, ein leidenschaftlicher Jäger, einen Rehschädel mit in den Unterricht. Gemeinsam wurde er dann in Biologie seziert. Für Prof. Wedrich war das ein Schlüsselmoment: Zum ersten Mal erlebte er unmittelbar, wie faszinierend Anatomie sein kann – speziell die Anatomie des Auges.
Kurz darauf kam ein zweiter, persönlicher Aspekt hinzu: seine eigene Kurzsichtigkeit. Das Zusammenspiel aus Neugier, Beobachtung und dem eigenen Erleben machte aus Interesse eine Richtung. Später im Medizinstudium wurde daraus Überzeugung. Die Augenheilkunde vereinte für ihn alles, was Medizin ausmachen kann – konservative und chirurgische Therapie, hochpräzise Arbeit im hundertstel Millimeterbereich, Patienten vom Frühgeborenen bis ins hohe Alter.
„Das Auge wirkt klein“, sagt Professor Wedrich, „aber wenn man es auffächert, geht ein Universum auf.“ Ein Organ, das entzündliche, genetische, degenerative, neurologische und auch onkologische Erkrankungen vereint – und in dem hundertstel Millimeter über Sehen oder Nicht-Sehen entscheiden.
Forschung, die Alltag verändert
Die Grazer Universitäts-Augenklinik zählt heute zu den forschungsstärksten Zentren Österreichs. Prof. Wedrich beschreibt das System als Obstgarten, Glashaus und Wiese: etablierte Forschungsschwerpunkte, kommende Zukunftsthemen und spezialisierte Arbeitsgruppen, die Versorgung, Forschung, Lehre und Ausbildung verbinden.
Besonders sichtbar wird der Fortschritt unter anderem bei der altersbedingten Makuladegeneration – einer der häufigsten Ursachen für schwere Sehbehinderung. Noch vor wenigen Jahrzehnten bedeutete sie für viele Menschen das Ende des Lesens. Heute können Medikamente, die direkt ins Auge injiziert werden, bei rund mehr als 70 Prozent der Betroffenen die Sehkraft stabilisieren, bei etwa 30 Prozent sogar verbessern. Täglich werden in Graz etwa 90, an machen Tagen über hundertzwanzig solcher Injektionen verabreicht. Medizin, die wirkt – leise, aber lebensverändernd.
Zwischen Bedarf und Verantwortung
Trotz aller Fortschritte bleibt die größte Herausforderung die Diskrepanz zwischen medizinischem Bedarf und verfügbaren Ressourcen. Gleichzeitig legt Prof. Andreas Wedrich großen Wert auf ein Arbeitsumfeld, das Menschen trägt: ein respektvoller Umgang, flexible Modelle, echte Mitarbeiterorientierung. Der Leadership Award der Med Uni Graz, verliehen von den eigenen Mitarbeitern, ist für ihn eine besondere Auszeichnung.
Abschalten fällt schwer. Seine Tage reichen oft von frühmorgens bis spätabends. Seine Familie lebt in Wien, er pendelt. Medizin ist für ihn kein Beruf, sondern eine Haltung.
Der Blick der nächsten Generation
Diese Haltung teilt auch Dr. Clemens Nadvornik, einer der jungen Ärzte der Klinik – und für viele Patientinnen und Patienten das Gesicht moderner Augenheilkunde.
Seine Faszination für das Fach begann früh. Der hochkomplexe, ästhetische Aufbau des Auges, sagt er, habe ihn sofort gepackt. Dazu komme die rasante technische Entwicklung in Diagnostik und Therapie, die ständig neue Möglichkeiten eröffnet. Augenheilkunde sei ein Fach, das sich permanent weiterentwickelt – und genau das mache es so spannend. An seinen ersten Tag in der Klinik erinnert er sich wegen der Atmosphäre: ein offenes, erfahrenes Team, ein echtes Willkommensgefühl. „Das hat mir sehr viel Sicherheit gegeben“, sagt er.
Wenn Sehen auf dem Spiel steht
Im klinischen Alltag erlebt Dr. Nadvornik, wie sehr sich gesellschaftliche Entwicklungen im Auge widerspiegeln. Kurzsichtigkeit nimmt weltweit rasant zu, ebenso diabetische Netzhauterkrankungen und altersbedingte Makuladegeneration. Prognosen gehen davon aus, dass bis 2050 rund die Hälfte der Weltbevölkerung kurzsichtig sein wird – mit einem deutlich erhöhten Risiko für Netzhautablösungen, Glaukom oder Makulaveränderungen.
Besonders problematisch seien Erkrankungen, die lange symptomlos verlaufen. Das Glaukom etwa, der „grüne Star“. Viele Betroffene bemerken jahrelang nichts – bis bereits irreversible Schäden am Sehnerv entstanden sind. „Hier gibt es sicherlich eine große Dunkelziffer“, erklärt Dr. Clemens Nadvornik. Vorsorge sei entscheidend, um das Fortschreiten möglichst früh zu bremsen.
Und manchmal zählt jede Minute. Plötzlicher Sehverlust, Lichtblitze, neu auftretende schwarze Punkte - sogenannter „Rußregen“, ein schattenartiger „Vorhang“ im Gesichtsfeld, akute Schmerzen, Verletzungen oder Verätzungen – all das sind Warnsignale, die sofort abgeklärt werden müssen. Bei bestimmten Diagnosen entscheidet Zeit tatsächlich über Sehen oder Nicht-Sehen.
Moderne Medizin – mehr als viele glauben
Was viele überrascht: Wie viel Augenmedizin heute leisten kann. Hochauflösende Bildgebung erkennt Veränderungen, bevor Patienten eine Sehverschlechterung wahrnehmen. Regelmäßig verabreichte Injektionstherapien stabilisieren Sehkraft über Jahre. Operative Techniken – etwa in der Glaukombehandlung – sind präziser und schonender geworden. Dabei gehe es oft nicht um Heilung im klassischen Sinn, betont Dr. Nadvornik, sondern um langfristigen Erhalt. Der eigentliche Erfolg liege oft der Prävention und Stabilisierung – darin, Selbstständigkeit zu bewahren.
Er räumt auch mit einem häufigen volkstümlichen Irrtum auf: Sehverschlechterungen lassen sich nicht immer mit einer neuen Brille lösen. Die Ursachen sind sehr unterschiedlich: Viele Allgemeinerkrankungen, Entzündungen, Infektionen, Autoimmunerkrankungen oder sogar bösartige Tumore können sich zuerst am Auge zeigen, die individuelle Therapieansätze brauchen. Das Auge ist teilweise ein Frühwarnsystem für den gesamten Körper.
Nähe, die Vertrauen schafft
Im Gespräch mit Patienten spürt Dr. Nadvornik, welchen hohen Stellenwert Sehen hat. Beschwerden werden ernst genommen, Therapien konsequent umgesetzt, Kontrolltermine zuverlässig wahrgenommen. Sehen bedeutet Lebensqualität – und Selbstständigkeit. Sein Anspruch ist es, komplexe Diagnosen verständlich und empathisch zu erklären, ohne falsche Sicherheit zu geben, Patienten unterstützend zu begleiten. Schwere Erkrankungen, infauste Verletzungen oder fulminante Infektionen begleiten ihn auch über den Dienst hinaus. Die Balance zwischen professioneller Distanz und menschlicher Nähe ist ein Lernprozess – einer, der Zeit braucht.
Medizin ist Teamarbeit
Dr. Clemens Nadvornik empfindet Medizin ist Teamarbeit, das Rezept für eine gute klinische Versorgung ist sicherlich eine interdisziplinäre Verhaltensweise und Kommunikation gleichrangig leben. Hoffnung machen ihm KI-unterstützende Systeme zur Früherkennung, Gentherapien bei erblichen Netzhauterkrankungen und neue Therapieansätze bei Makuladegenerationen.
Energie tankt er nach intensiven Tagen mit Sport und Kochen – am liebsten gemeinsam mit seiner Verlobten.
Zwei Generationen, eine Haltung
Prof. Andreas Wedrich steht für Erfahrung, Struktur und Vision. Dr. Clemens Nadvornik für Gegenwart, Nähe und eine neue Generation von Medizinerinnen und Medizinern. Gemeinsam zeigen sie, wofür die Grazer Universitäts-Augenklinik steht: für Präzision und Menschlichkeit, für Forschung und Alltag, für Medizin, die wirkt. Und manchmal reicht ein hundertstel Millimeter - um eine ganze Welt sichtbar zu halten.
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