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Karriere auf der Matte und Sicherheit im Dienst


Disziplin, Durchhaltevermögen und absolute Fokussierung – Eigenschaften, die im Sport genauso wichtig sind wie im Justizvollzug. Im Landessportzentrum Eisenstadt treffen diese beiden Welten aufeinander. Hier läuft das Projekt „Athleta“, das Spitzensportlern die Möglichkeit gibt, eine duale Karriere zu starten: Während sie auf der Bahn, im Stadion oder auf der Matte um Medaillen kämpfen, werden sie zugleich  zu Justizwachebeamten ausgebildet.

Die Idee dahinter ist so einfach wie genial. Viele Sportler stehen nach dem Ende ihrer aktiven Laufbahn vor einem großen Fragezeichen: Wie geht es weiter, wenn die sportlichen Jahre vorbei sind? Athleta schließt genau diese Lücke. Wer aufgenommen wird, erhält einen dreijährigen Ausbildungsplan, der perfekt auf Training und Wettkampf abgestimmt ist. Jedes Jahr absolvieren die Teilnehmer einen vierwöchigen Theorieblock sowie zwei Wochen Praxis in einer Justizanstalt. Den Rest des Jahres sind sie für ihre sportliche Laufbahn freigestellt. Flexibilität ist dabei das oberste Gebot, denn ein Weltcup oder eine Europameisterschaft lässt sich nicht verschieben.

Der Weg in das Programm ist anspruchsvoll. Bewerben kann man sich direkt über eine Ausschreibung, bereits angestellt muss man in der Justiz nicht sein. Neben den regulären Kriterien für den Exekutivdienst ist vor allem der offizielle Status als Spitzensportler entscheidend, der durch den Fachverband bestätigt und jährlich überprüft wird. Nach medizinischen Untersuchungen, psychologischen Tests und einem Kommissionsgespräch fällt die Entscheidung, wer Teil des Athleta-Kaders wird. Von ursprünglich 97 Bewerbern schafften es 29 ins Team – Olympioniken, Weltcupstarter und Talente aus unterschiedlichsten Sportarten. Dies zeigt, wie sorgfältig ausgewählt wird.

Für die Justiz hat dieses Modell viele Vorteile. Athleten bringen ein Image mit, das Strahlkraft hat: Sie stehen für Leistung, Fairness und Teamgeist. Mit ihren Erfolgen in der Öffentlichkeit werden sie zu Botschaftern der Justiz und machen den Beruf des Justizwachebeamten attraktiver. Für die Sportler selbst bedeutet Athleta Sicherheit – während der Karriere finanzielle Absicherung und danach eine berufliche Perspektive. Ob sie langfristig im Strafvollzug bleiben oder im Ressort andere Aufgaben übernehmen, liegt an ihnen.

Einer, der das Programm von Anfang an geprägt hat, ist der sportliche Koordinator Kontrollinspektor Mario Schindler. Der 52-jährige gebürtige Mörbischer ist seit 32 Jahren Teil der Justizwache. Gleichzeitig hat er das höchste Amt Österreichs als staatlich geprüfter Diplom- und Mentaltrainer und begleitet seit vielen Jahren Spitzensportler – einen Salzburger Athleten bereits seit dessen 14. Lebensjahr. Heute ist dieser 25 Jahre alt, immer noch aktiv und erfolgreich. Zehn Medaillen aus Europameisterschaften sprechen für Schindlers Methode. „Man ist kein guter Trainer, wenn man nur das System abarbeitet und alle in dieselbe Richtung laufen lässt. Jeder Mensch braucht seinen eigenen Weg“, sagt er. Für ihn gehören Sport und Justiz zusammen: „Sport hält jung, die Justiz hält das Gleichgewicht.“

Mario Schindler sieht genau hin, wer ins Programm passt. Schon beim Hearing merkt er, ob jemand vorbereitet ist, weiß, welche Aufgaben auf einen Justizwachebeamten zukommen und sich mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Er ist überzeugt: Die Sportler, die sich hier bewerben, bringen von Natur aus Disziplin, Zielstrebigkeit und Kampfgeist mit. „Die wissen, wo sie hinwollen, und sie gehen auch den steinigen Weg bis zum Ziel“, so Schindler.

Am Anfang waren nicht alle Kollegen überzeugt davon, Spitzensportler in den Strafvollzug zu holen. Doch der anfängliche Skeptizismus ist längst verflogen. Heute gilt Athleta als Erfolgsgeschichte – nicht nur, weil es jungen Athleten eine Perspektive gibt, sondern auch, weil es das Bild der Justiz positiv verändert. Wenn die Sportler bei Wettkämpfen oder in den Medien auftreten, repräsentieren sie auch die Justiz – als Botschafter eines Berufsbildes, das Respekt, Teamgeist und Verantwortung verlangt. Ein Gesicht des neuen Jahrgangs ist Lisa Tretnjak. Die 21-jährige Judoka aus Leibnitz trainiert am Olympiastützpunkt in Linz und gehört seit April 2025 zu Athleta im Landessportverband. Sie wird ihre erste Praxisphase in der Justizanstalt Graz-Karlau absolvieren – bewusst nahe ihrer Heimat, bevor sie im kommenden Jahr in der Justizanstalt Jakomini reinschnuppern will. „Natürlich ist es kein einfacher Weg. Man muss die Module und Praxisphasen absolvieren wie jeder andere Justizwachebeamte auch“, sagt sie. „Aber es gibt Sicherheit, und man kann sich trotzdem auf den Sport konzentrieren.“ Lisa hat wie alle anderen Athleten einen vollwertigen Dienstvertrag, ist versichert, hat Anspruch auf Urlaub und muss ihr Training bzw. Tagesablauf täglich dokumentieren. Der Spitzensportstatus wird jedes Jahr überprüft – wer das Niveau nicht mehr hält, kann in den regulären Dienst wechseln oder aussteigen.

Für Schindler ist genau diese Mischung das Erfolgsrezept: „Die Praxisphasen sollen so gestaltet sein, dass man am Stammtisch im Wirtshaus auch mit Empathie erzählen kann, wie interessant dieser Job in Wirklichkeit ist. Das spricht sich herum – manchmal ist es der Nachbar oder dessen Bekannter, der plötzlich Interesse zeigt, weil er hört, wie gut das Klima und der Zusammenhalt bei uns sind.“

Athleta ist damit weit mehr als eine Ausbildung – es ist ein Brückenschlag zwischen zwei Welten, die sich auf den ersten Blick fremd sind und doch perfekt ergänzen. Wer die jungen Athleten morgens um sechs sieht, wenn der erste in der Südstadt ins Becken springt und acht Kilometer schwimmt, bevor der Ausbildungstag beginnt, spürt sofort: Hier geht es um Ehrgeiz, Disziplin, Leidenschaft und den unbedingten Willen, alles zu geben. Genau diese Energie nehmen sie mit in ihre Ausbildung – und genau deshalb ist Athleta ein Gewinn für Sport und Justiz zugleich.

Mario Schindler und Lisa Tretnjak

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