Sam (alias Samiko) wurde 2007 im Iran geboren. Seit 2023 lebt er mit seiner Familie in Graz – ein Neuanfang, nachdem sein Vater eine Stelle im Bereich Medical Engineering angenommen hatte, genauer gesagt in der Gehirnchirurgie. Die Familie hatte die Wahl: Kanada, die USA oder Österreich. Sie entschieden sich bewusst für Österreich – „weil es hier am sichersten ist“, sagte sein Vater. Für Sam, 16 Jahre alt, bedeutete das: neue Sprache, neue Freunde, neues Leben – und Hoffnung. Seine Mutter begann, Deutsch zu lernen. Sein Vater sprach fließend Englisch. Sam selbst fand schnell Anschluss. Er war immer höflich, aufmerksam, klug – und leidenschaftlicher Rapper.
Ein Morgen wie jeder andere – und doch ein Wendepunkt fürs Leben
Der Morgen des 10. Juni 2025 begann für ihn mit echter Vorfreude. Die Familie war gerade von einem Wochenendtrip aus München zurück, Sam hatte dort schöne Momente erlebt. Am Abend war er früh schlafen gegangen, hatte sich den Wecker gestellt. Er war wach, duschte und rasierte sich. Sam war voller Energie und bereit für den Tag. Er freute sich auf die Schule – und darauf, seinen Freunden von der Reise zu erzählen.
Im Englischunterricht saß er in der letzten Reihe. Einige Mitschüler waren im Nebenraum. Es war ruhig, fast schläfrig. Dann plötzlich: Stimmen auf dem Gang. Laut. Aufgeregt. Dann mehrere Schüsse. Sam dachte im ersten Moment an ein Theaterstück, vielleicht eine Inszenierung, eine Probe oder irgendetwas Überraschendes.
Doch dann wurde die Tür aufgerissen und ein junger Mann betrat das Klassenzimmer. Er trug Kopfhörer und Brille. Ohne ein Wort gab er einige Schüsse auf die Lehrerin und Schüler ab. In diesem Moment zerbrach jede Illusion. Sam sah drei seiner Mitschülerinnen zu Boden fallen. Zwei von ihnen hatte er angesehen. Ihre Augen waren weit geöffnet, sie waren tot. Der Täter, ein 21-jähriger Ex-Schüler, bewegte sich leise, fast mechanisch. Keine Wut, kein Schrei, kein Laut. Nur tödliche Entschlossenheit.
Todesangst, Überlebenswille – und ein innerer Kampf
Sam ließ sich instinktiv fallen. Arme über den Kopf. Er stellte sich tot. Und beobachtete alles trotz großer Angst. Der Täter ging durch den Raum, schoss weiter. Willkürlich. In einem letzten Reflex bewegte Sam seinen Kopf weg – nur um wenige Zentimeter. Sekundenbruchteile später. Er ist überzeugt: Diese kleine, fast unwillkürliche Bewegung hat ihm das Leben gerettet. Dann traf ihn eine Kugel. Sie streifte sein Ohr, durchschlug sein Gesicht und trat vorne an der Nase wieder aus. Sam sah verschwommen, alles war hell, weiß, surreal. Aber sein Körper blieb wach. Sein Gedanke klar: „Ich habe überlebt – jetzt muss ich wach bleiben.“ Auch seine Hände wurden verletzt. Schmerz spürte er nicht, nur Blut, viel Blut. In seinem Hals, in seinem Mund. Er begann zu spucken. „Ich wusste, wenn ich es nicht loswerde, ersticke ich.“
Sam zog sein T-Shirt aus, legte es zusammen mit seinem Handy auf seinen Stuhl, damit man ihn erkennt, für den Fall, dass er das Bewusstsein verlieren würde. „Ich habe nur an meine Eltern gedacht. Dass sie mich nicht so verlieren dürfen. Dass sie weiterleben – aber dieses Bild nie vergessen würden. Ich wollte nicht, dass mein Tod ihr Leben zerstört.“
Als die Welt wieder zu atmen begann
Die Lehrerin hatte vor ihrem Zusammenbruch noch die Tür abschließen lassen – eine Schülerin setzte das um. Sie rettete mit der Courage wahrscheinlich viele Leben. Die Polizei traf binnen weniger Minuten ein. Sam wurde als einer der Ersten gefunden und gerettet. Ein Polizist trug ihn auf Händen hinaus zum Rettungswagen. Kurz danach verlor Sam das Bewusstsein. Er fiel ins Koma.
Zwei Tage lang wussten seine Eltern nichts Genaues. Sie wussten nur, er lebt. „Als meine Eltern ins Krankenhaus kamen, wussten sie nicht, ob ich sehen kann. Ob ich sprechen kann. Ob ich je wieder gehen werde. Nur eines war klar: Ich bin nicht tot.“
Zwischen OPs und Träumen: Ein zäher Weg zurück
Sam hatte schwere Verletzungen an Gesicht, Kiefer und Hände. Die rechte Gesichtshälfte ist bis heute teilweise gelähmt. Sein Mund lässt sich nur wenige Millimeter öffnen. Essen ist nur eingeschränkt möglich. Zwei große Operationen hat er hinter sich, weitere stehen bevor.
In den ersten Tagen verlor er zehn Kilo. Zwei Wochen auf der Intensivstation, danach auf der Normalstation. Dann endlich wieder zuhause, doch wegen Komplikationen musste er zurück ins Krankenhaus. Die Schmerzen, besonders in den Händen, trieben ihm Tränen in die Augen – etwas, das er zuvor nie gezeigt hatte.
Ein Schachspiel im Koma – und ein Erwachen wie aus einer anderen Welt
Im Koma hatte Sam einen Traum, aber er fühlte sich nicht wie ein Traum an. Er war klar, greifbar, intensiv - wie eine Prüfung zwischen Leben und Tod. Er saß an einem Schachtisch. Gegenüber: ein junger Mann mit kühlem Blick und klarem Verstand. Im Laufe des Spiels wurde Sam klar, wer da vor ihm saß: Garry Kasparov – der größte Schachspieler aller Zeiten. Sam wusste sofort: Gegen Kasparov zu gewinnen? Unmöglich.
Sam spielte mit den schwarzen Figuren. Der Druck war enorm. „Wenn ich verliere, sterbe ich, wenn ich gewinne, lebe ich. Ich liebe Schach, aber ich hatte keine Chance. Ich hatte Angst und fühlte: die Zeit lief gegen mich.“
Dann dieser Moment: Sams mutiger Zug mit dem Springer. Kasparov blickte auf das Brett, dann zu Sam – und streckte ihm ruhig die Hand hin. „Du hast gewonnen“, sagte er. Und lächelte. Und genau in diesem Moment – wachte Sam auf. Er lag im Krankenhausbett. Seine Eltern hielten seine Hand. Tränen liefen über sein Gesicht. Nicht wegen des Schmerzes. Sondern weil er wusste: Ich habe überlebt.
Rap als Therapie – und ein Netzwerk der Solidarität
Schon vor dem Attentat war Rap Sams Ausdrucksform, sein Künstlername ist Samiko. Jetzt ist es mehr: Therapie und Hoffnung. „Meine größte Angst war nicht der Tod – sondern, dass ich nie wieder rappen kann.“ Sport darf er aktuell nicht betreiben. Aber er schreibt Texte. Und will zurück ans Mikrofon. Gemeinsam mit dem bosnischen Rapper Alpone, den er über ein Musikhaus in Graz kennengelernt hatte, arbeitet er an einem Song mit dem Thema: Überleben, Kraft, Wahrheit
Sams Vater wusste, dass sich Sam und Alpone kennen – also schickte er diesem eine Nachricht und erzählte ihm vom Schicksal seines Sohnes. Alpone antwortete sofort. Auch Nazar, ein iranischer Rapper, der in Österreich lebt, bekam Nachricht von Sams Vater. Nazar postete daraufhin eine Story über Samiko. Für Sam war das ein Zeichen: „Das Wichtigste war, dass sie mir zugehört haben.“
Dankbarkeit – und ein neuer Blick aufs Leben
Sam erhält Besuch von Mitschülern, Lehrkräften, Nachbarn. Viele Menschen zeigen ihm, dass er nicht allein ist. Er kann wieder sprechen. Mühsam, langsam – aber verständlich. Seine Eltern sind jeden Tag bei ihm. Ein persischsprachiger Arzt gab ihnen Vertrauen. „Ich habe Eltern gesehen, die ihre Kinder tot abholen mussten. Dieses Bild wird mich nie loslassen. Ich konnte meine Eltern wieder umarmen. Das war mein Ziel. Das war mein Kampf.“
Ein Überlebender. Ein Kämpfer. Eine Stimme.
Sam ist mehr als ein Jugendlicher, der überlebt hat. Er steht für etwas Tieferes: Hoffnung. Widerstandskraft. Dankbarkeit. Und den Willen, weiterzugehen. Er wird nicht mehr derselbe sein wie zuvor. Aber: er hat überlebt, er hat geträumt, er ist aufgewacht, er wird sprechen, er wird rappen. Und irgendwann wird die Welt seine Stimme hören.
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