Am Hofratsstammtisch im Parkhotel in Graz treffen sich Erfahrung, Freundschaft und Lebensfreude – und wird vom Altwerden als Kunstform erzählt.
Der Dienstagmorgen beginnt im Parkhotel Graz nicht mit Verordnungen, Akten oder Sitzungsdruck, sondern mit Lächeln, Gesprächen und einer Tasse Kaffee – oder auch einem gepflegten Bier. Hier trifft sich Woche für Woche eine ganz besondere Runde: ehemalige Spitzenbeamte und verdiente Persönlichkeiten aus der steirischen Landesverwaltung, die ihren Ruhestand nicht als Rückzug, sondern als zweite Blütezeit verstehen.
Der sogenannte „Hofratsstammtisch“ ist längst mehr als ein gemütliches Plauscherl unter Kollegen. Er ist ein Ort der Erinnerung und des Austauschs, ein Stück gelebte steirische Zeitgeschichte, aber auch ein Beweis dafür, dass Alter und Neugier wunderbar zusammenpassen.
Was in den späten 1980er-Jahren mit ein paar Juristen und Beamten begann, ist heute eine Institution. Rund 30 Damen und Herren gehören aktuell zur erweiterten Runde, die sich jeden Dienstagvormittag im Parkhotel versammelt – nicht, um über „früher war alles besser“ zu sinnieren, sondern um das Jetzt mit Witz, Würde und einer guten Portion Selbstironie zu betrachten.
Für Dr. Jörg Hofreiter, ehemaliger Bezirkshauptmann und noch immer aktiver Honorarkonsul, ist das Schönste am Ruhestand die gewonnene Freiheit: „Den Tag einteilen, seine Meinung frei äußern – ohne Rücksicht auf die Funktion eines Behördenleiters.“ Gleichzeitig, sagt er, sei genau diese Freiheit manchmal auch die Herausforderung.
Ähnlich sieht das Dr. Helmut Reinhofer, ehemaliger Zentraldirektor des LKH Graz: „Ohne Zeitdruck Interessen verfolgen zu können – das ist ein Luxus.“ Und trotzdem: „Die Liste der häuslichen Aufträge bleibt lang. Pension ist nicht gleich Pause.“ Humorvoll fügt er hinzu: „Nicht einmal meine Frau oder das Finanzamt haben mir je so viele Fragen gestellt wie dieser Fragebogen.“
Dr. Reingard Steiner, langjährige Verwaltungsrichterin, liebt es, spontan zu entscheiden, was sie mit dem Tag anfangen will. „Ein guter Tag beginnt mit einem Frühstück, bei dem man die Zeitung in Ruhe liest – und endet mit einem Buch oder einem Gespräch mit Freunden.“ Dazwischen: Gartenarbeit, Stadtspaziergänge, Fitnesscenter, Katzenpflege – oder eben der Stammtisch.
Natürlich wird bei der Dienstagssitzung auch diskutiert – über die Weltlage, politische Entwicklungen oder kleine regionale Kuriositäten. Aber: „Parteipolitik spielt in dieser Runde keine Rolle“, betonen alle. Die Perspektiven sind unterschiedlich, der Ton ist respektvoll. Manfred Rupprecht, der als langjähriger LH-Sekretär, später Abteilungsvorstand mit den heiklen Ressorts Umwelt und Anlageverfahren, bekannt auch als Anwalt für die Grazer Altstadt und „Organisationsbeauftragter“ der Runde gilt, bringt es so auf den Punkt: „Wir haben gelernt, über Unterschiede hinweg gemeinsam zu arbeiten – das bleibt.“
Wolfgang Königswieser, früher Obmann der Landespersonalvertretung, sorgt in dieser Konstellation regelmäßig für gute Laune – „der Sunny Boy“, wie ihn einige nennen. Dr. Ernst Burger, früher oberster Statistiker und Kabarettist, ergänzt: „Ein gutes Gespräch ist wichtiger als ein korrektes Protokoll. Und was mich zum Lachen bringt? Meine eigene Ungeschicklichkeit.“
Was diesen Stammtisch ausmacht? Vielleicht, dass er nicht in der Vergangenheit klebt – obwohl viele schöne Erinnerungen geteilt werden. Reingard Steiner erinnert sich etwa an eine Verhandlungsszene, bei der sie einen Beschuldigten zur Ordnung rufen wollte – und erst im Moment merkte, dass ihr einziger „Rauswurfhelfer“ ein sehr zart gebauter Amtsbote war.
Hofreiter erzählt von seiner ersten Amtshandlung als Bezirkshauptmann – einem Bären, der nach seiner Umsiedlung prompt zurück in seinen Bezirk wanderte. „Offenbar hat er sich bei uns wohlgefühlt.“ Und Rupprecht verweist auf seine beiden Bücher „Der heitere Panther“ und „Wolkig bis heiter“, in denen viele Anekdoten verarbeitet sind, die am Stammtisch gerne immer wieder zitiert werden. Meist unter großem Gelächter.
Tatsächlich ist die Hofratsrunde weit mehr als ein Altherrenclub. „Wir sind keine geschlossene Gesellschaft“, betont Rupprecht. Neben mehreren Hofrätinnen sind auch Ehepartner regelmäßig bei den monatlichen gemeinsamen Mittagessen dabei. Außerdem werden Ausflüge, Theaterbesuche, Opernfahrten und sogar Buschenschank-Touren organisiert.
Und so ist es kein Wunder, dass Dr. Reingard Steiner den Stammtisch als „Jungbrunnen“ beschreibt – Dr. Reinhofer nennt ihn eine „Veteranenrunde mit Weitblick“, Dr. Burger ein „spannendes Sammelsurium“.
Was wünschen sich die Mitglieder der Runde für die Zukunft? „Ur-Urgroßvater werden“, sagt Hofreiter. „Noch einmal mit dem Oldtimer auf Abenteuerfahrt gehen.“ Oder einfach: Gesund bleiben, weiter lachen, weiterreden – jeden Dienstag um halb zehn.
„Das Alter“, sagt einer, „ist ein guter Platz mit Aussicht.“ Oder, wie es Dr. Reinhofer formuliert: „Die Verschwörungstheoretiker und die Untergangspropheten gehen unter. Die Karawane zieht weiter.“
Und in diesem Fall bleibt sie dienstags einfach kurz stehen – am Fenster im Parkhotel, mit Kaffee, Bier, viel Gesprächsstoff und einem Stammtisch, der zu einer Lebensform geworden ist.
„Dieter Rupnik, selbst Mitglied der Runde und früher langjähriger Leiter des Landespressedienstes, ist es zu verdanken, dass aus der Idee dieses Treffens eine so lebendige Geschichte wurde.“
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