Ein Grazer für „Jedermann“

Julian Weigend kehrt als Jedermann nach Graz zurück – und erzählt von Heimat, Haltung und den wirklich wichtigen Dingen im Leben. Manche Menschen beantworten Fragen. Andere erzählen Geschichten. Julian Weigend gehört zur zweiten Kategorie.

Eigentlich sollte es ein Gespräch über den „Jedermann“ werden. Über die bevorstehenden Aufführungen auf den Grazer Kasematten, über Theater, über eine der bedeutendsten Rollen der deutschsprachigen Bühnenliteratur. Doch schon nach wenigen Minuten wird klar, dass sich dieses Treffen nicht auf Premieren, Rollenarbeit oder Karriereplanung reduzieren lässt. Dafür denkt Julian Weigend zu sehr in Zusammenhängen. Zu sehr über das Leben. Über Menschen. Über Verantwortung.

Der gebürtige Grazer sitzt entspannt da, spricht ruhig, überlegt und ohne jede Spur jener Eitelkeit, die man in seiner Branche manchmal vermuten würde. Stattdessen begegnet man einem ein Mann, der in den vergangenen Jahrzehnten viel erlebt hat und daraus offenbar etwas Wertvolles mitgenommen hat: Gelassenheit.

Dabei begann alles denkbar unspektakulär. Schauspieler zu werden war ursprünglich gar nicht der große Lebenstraum des jungen Julian Weigend. Flugzeugmechaniker hätte er sich vorstellen können. Ein Berufswunsch, über den er heute herzlich lachen kann. Technische Begabung, sagt er selbst, sei nie seine größte Stärke gewesen. Die Bühne hingegen schon.

Am BORG in der Monsbergergasse entdeckte er seine Leidenschaft für das Schultheater. Dort fiel er dem legendären Grazer Theatermann Franz Friedrich auf, der sein Talent erkannte und ihn auf die Aufnahmeprüfung vorbereitete. 1988 wurde Weigend an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Graz aufgenommen – einer von zehn Kandidaten aus rund 1.200 Bewerbern. Ein Moment, der sein Leben verändern sollte.

Dennoch verlief seine Karriere nie entlang jener klassischen Erfolgsrezepte, die man heute oft mit der Branche verbindet. Früh entschied er sich gegen den vermeintlich prestigeträchtigeren Weg und für die Erfahrung. Selbst ein Angebot des Burgtheaters schlug er aus. Statt eines großen Namens wollte er vor allem eines: spielen.

Und spielen sollte er. An großen Bühnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, bei renommierten Festspielen, in klassischen Rollen und später vor der Kamera. Der Sprung ins Fernsehen gelang über einen Anruf, den er zunächst selbst kaum ernst nehmen konnte. Ein Casting für Schimanski. Wenige Wochen später stand er tatsächlich vor der Kamera und arbeitete mit Götz George, den er bis heute als wichtigen Wegbegleiter bezeichnet. Von ihm habe er gelernt, was Professionalität wirklich bedeutet, erzählt Weigend. Vorbereitung. Ernsthaftigkeit. Haltung.

Es folgten zahlreiche Film- und Fernsehproduktionen. Ob bei Schimanski, in erfolgreichen TV-Reihen oder als düsterer Ruppertus Splendidus in der Verfilmung der „Wanderhure“ – Millionen Zuschauer kennen sein Gesicht. Doch obwohl er zu den bekanntesten österreichischen Schauspielern im deutschen Fernsehen zählt, ist man bei Julian Weigend nie versucht, das Wort Star zu verwenden.

Ein Wort fällt während des Gesprächs immer wieder, Haltung. Nicht als politische Parole. Nicht als modisches Schlagwort. Sondern als innere Ausrichtung. Vielleicht ist es überhaupt der Schlüssel, um Julian Weigend zu verstehen.

Er spricht über die Schauspielerei, als wäre sie weniger Beruf als lebenslanger Lernprozess. Menschen, die glauben, irgendwann ausgelernt zu haben, betrachtet er mit Skepsis. Stillstand sei das größte Gift, sagt er. Wer aufhöre, sich weiterzuentwickeln, beginne innerlich zu erstarren.

Es sind Gedanken, die erstaunlich gut zu jener Rolle passen, mit der er im kommenden September nach Graz zurückkehrt. Der Jedermann. Kaum eine Figur der Theaterliteratur stellt die großen Fragen des Lebens so kompromisslos wie Hofmannsthals berühmter reicher Mann. Was bleibt von einem Menschen, wenn Besitz, Status und Einfluss plötzlich bedeutungslos werden? Was zählt wirklich? Worauf kommt es am Ende an? Für Weigend liegt genau darin die zeitlose Kraft dieses Stückes.

Der Jedermann, sagt er, sei weit mehr als eine einzelne Figur. Er sei eine Metapher. Ein Spiegel. Jeder Mensch könne sich in diesem Stück wiederfinden, unabhängig von Alter, Herkunft oder Lebenssituation. Gerade deshalb funktioniere es auch heute noch so unmittelbar.

Dass er diese Rolle nun ausgerechnet in seiner Heimatstadt spielen darf, bedeutet ihm spürbar viel. „Heimat sitzt im Zellkern“, sagt er an einer Stelle des Gesprächs. Ein Satz, der hängen bleibt. Vielleicht weil er so einfach ist. Vielleicht weil er stimmt.

Nach Jahrzehnten in Berlin genießt Julian Weigend die Rückkehr nach Graz heute mehr denn je. Die Stadt habe eine besondere Energie, sagt er. Eine Herzlichkeit. Eine Gelassenheit. Etwas, das ihn immer wieder erdet.

Überhaupt scheint Erdung ein wichtiges Thema in seinem Leben geworden zu sein. Man merkt es, wenn er über seine Ehe spricht. Über seine Frau Maya. Über das Gleichgewicht zwischen einem Ich, einem Du und einem Wir. Man merkt es, wenn er über Beziehungen spricht, über Augenhöhe, gegenseitigen Respekt und die Bereitschaft, an sich selbst zu arbeiten. Und man merkt es besonders dann, wenn das Gespräch plötzlich eine sehr persönliche Wendung nimmt. 2016 erlitt Julian Weigend einen Herzstillstand. Seine Frau rettete ihm das Leben.

Es ist einer jener Momente, die einen Menschen verändern. Und vielleicht erklärt diese Erfahrung auch, warum er heute so selbstverständlich über Vergänglichkeit sprechen kann. Warum ihn die Themen des Jedermann nicht nur als Schauspieler beschäftigen, sondern auch als Mensch.

Angst vor dem Tod habe er keine, sagt er. Was ihn vielmehr beschäftigt, ist der Umgang der Menschen miteinander. Die zunehmende Rauheit. Die fehlende Wertschätzung. Das ständige Kreisen um das eigene Ego. Dabei klingt nichts davon verbittert. Eher nachdenklich. Fast so, als wünsche er sich manchmal eine Welt, in der Menschen wieder etwas genauer hinschauen würden. Auf andere. Vor allem aber auf sich selbst. „Wenn jeder zuerst vor seiner eigenen Tür kehren würde, hätten wir viele Probleme gar nicht“, sagt er. Es ist ein Satz, der ebenso gut aus einem Theaterstück stammen könnte. Vielleicht sogar aus dem Jedermann.

Wenn Julian Weigend im September auf den Kasematten stehen wird, wird das Publikum einen erfahrenen Schauspieler erleben. Einen Publikumsliebling aus Film und Fernsehen. Einen erfolgreichen Theatermann. Wer ihm jedoch zuhört, begegnet vor allem einem Menschen, der trotz aller Erfolge neugierig geblieben ist. Der sich Fragen stellt. Der nicht glaubt, bereits alles zu wissen. Und der verstanden hat, dass die wirklich wichtigen Dinge selten laut sind.

Vielleicht freut er sich deshalb nach einem langen Arbeitstag am meisten über einen Spaziergang mit seiner Frau Maya und den Hunden im Wald und vielleicht liegt genau darin die Antwort auf jene große Frage, die über dem gesamten Jedermann schwebt. Was bleibt?

Im September wird Julian Weigend auf den Kasematten stehen. Und selten hat eine Rolle wohl besser zu einem Menschen gepasst als diese.

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Menschen helfen Menschen – auch im Zeitalter der KI

Die steirischen Spitäler stehen vor einem historischen Umbau: mehr Digitalisierung, neue Arbeitszeitmodelle, steigender Kostendruck – und gleichzeitig höhere Erwartungen der Patienten. KAGes-Vorstand Ulf Drabek spricht über die Medizin von morgen, künstliche Intelligenz, den Kampf um Fachkräfte und warum Technologie den Menschen niemals ersetzen darf.

Wenn Ulf Drabek über Krankenhäuser spricht, spricht er nicht zuerst über Zahlen, Budgets oder Geräte. Er spricht über Menschen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum der Technik- und Finanzvorstand der KAGes die Zukunft des steirischen Gesundheitswesens anders denkt als viele andere: digitaler, effizienter – aber gleichzeitig menschlicher. Denn die Herausforderungen sind gewaltig. Die Bevölkerung wird älter, medizinische Leistungen werden komplexer, gleichzeitig fehlen in ganz Europa Fachkräfte. Dazu kommen steigende Kosten, neue Arbeitsmodelle und ein Gesundheitssystem, das unter massivem Druck steht.

Für Ulf Drabek ist klar: Die Gesundheitsversorgung muss sich verändern – aber ohne ihren Kern zu verlieren. „Menschen helfen Menschen wird auch in Zukunft gelten“, sagt er. Und genau dieser Satz zieht sich wie ein roter Faden durch seine Vision für die KAGes. Die steirischen Spitäler sollen in den kommenden Jahren nicht nur moderner werden, sondern auch effizienter organisiert. Digitalisierung spielt dabei eine Schlüsselrolle. Die KAGes gilt schon heute als Vorreiter: elektronische Fieberkurven, digitale Patientenakten, e-Rezepte oder softwareunterstützte Befundung sind längst Realität. Künstliche Intelligenz wird bereits in mehreren Bereichen eingesetzt. Nach Schlaganfällen unterstützt sie Therapieentscheidungen, bei Lungenerkrankungen hilft sie bei der Auswertung von CT-Aufnahmen und auch bei der Früherkennung neurodegenerativer Erkrankungen kommen KI-Systeme zunehmend zum Einsatz.

Doch Vorstand Ulf Drabek sieht darin nicht die Zukunft eines automatisierten Krankenhauses – sondern eine Entlastung für jene Menschen, die täglich im Gesundheitswesen arbeiten. „Wenn die richtige Person im richtigen Moment verlässlich die benötigte Information erhält, erhöht sich die Patientensicherheit und senkt sich der Zeitaufwand beim Personal.“ Die Technik soll Ärzten und Pflegekräften Zeit zurückgeben. Zeit für Gespräche. Zeit für Betreuung. Zeit für Menschlichkeit.

Dabei wächst die technische Infrastruktur der KAGes rasant. Besonders das LKH-Universitätsklinikum Graz entwickelt sich zu einem medizinischen Hochtechnologiestandort. Die neue Universitätsklinik für Radiologie gilt als eines der Zukunftsprojekte der kommenden Jahre. Ab Herbst 2026 sollen dort im Bereich der Nuklearmedizin völlig neue Möglichkeiten in der Krebsbehandlung entstehen. Ohne moderne IT wäre ein Krankenhausbetrieb heute ohnehin kaum noch denkbar. Die digitale Dokumentation bildet längst das Rückgrat des Systems. Allergiewarnungen erscheinen automatisch, Bilddaten sind standortübergreifend abrufbar, Ambulanzbefunde können digital eingesehen werden.

Und dennoch betont Ulf Drabek immer wieder die Grenzen der Technologie. „Die Technik ist nur so gut wie der Mensch, der sie bedient.“ Die KI bleibe Werkzeug – nicht Entscheidungsträger. Die Verantwortung liege weiterhin bei Ärzten, Pflegekräften und Therapeuten.

Parallel dazu verändert sich auch die Arbeitswelt im Krankenhaus massiv. Teilzeitmodelle nehmen stark zu. Beim Pflegepersonal arbeitet mittlerweile bereits mehr als die Hälfte in Teilzeit, im ärztlichen Bereich liegt die Quote bei rund 37 Prozent. Für die Organisation der Spitäler bedeutet das enorme Veränderungen. Mehr Übergaben. Mehr Abstimmung. Größere Teams. Höherer Koordinationsaufwand. Die KAGes versucht darauf zu reagieren – mit flexibleren Arbeitszeitmodellen, familienfreundlicheren Strukturen und zusätzlichen Angeboten für Mitarbeiter. Pendler erhalten das steirische Klimaticket, Jobräder werden gefördert, in Fortbildung wird massiv investiert. Und offenbar mit Erfolg. „Bis auf wenige Ausnahmen können wir derzeit alle Stellen besetzen“, sagt Ulf Drabek.

Tatsächlich gilt die KAGes mit mehr als 19.000 Mitarbeitern längst nicht mehr nur als Gesundheitskonzern, sondern auch als einer der wichtigsten Arbeitgeber des Landes. Daraus entstehe auch gesellschaftliche Verantwortung. Diese Verantwortung geht für Ulf Drabek mittlerweile weit über Medizin hinaus. Auch Nachhaltigkeit und Klimaschutz seien Teil moderner Gesundheitsversorgung geworden. Mit der Strategie „PROKlima+“ verfolgt die KAGes das Ziel, bis 2040 klimaneutral zu werden. Nachhaltiges Bauen, erneuerbare Energie, Abfallreduktion und umweltfreundliche Mobilität gehören mittlerweile zur Unternehmensstrategie. „Wer die Umwelt schützt, leistet auch einen Beitrag zur Gesundheitsprävention.“

Gleichzeitig laufen die Vorbereitungen für die Gesundheitsversorgung der Zukunft. Der Regionale Strukturplan Gesundheit 2030 bringt Veränderungen an vielen Standorten mit sich – und sorgt nicht überall für Begeisterung. Ulf Drabek weiß, dass Reformen Widerstand auslösen. Trotzdem hält er sie für alternativlos. „Unter den gegebenen Rahmenbedingungen sind die Umstellungen zur Aufrechterhaltung des Systems unabdingbar.“ Sein Ziel sei es, ein Gesundheitssystem zu gestalten, das auch mit knapper werdenden Ressourcen langfristig funktioniert.

Dabei zeichnet er ein erstaunlich klares Bild des Krankenhauses im Jahr 2030: Patienten sollen möglichst kurz im Spital bleiben, viele Eingriffe werden minimalinvasiv durchgeführt, Tageskliniken und Spezialambulanzen gewinnen weiter an Bedeutung. Gleichzeitig sollen moderne Technik und automatisierte Prozesse dafür sorgen, dass Ärzte und Pflegekräfte wieder mehr Zeit für den eigentlichen Kern ihrer Arbeit haben.

Trotz aller Herausforderungen wirkt Ulf  Drabek bemerkenswert ruhig. Nicht alarmistisch. Nicht ideologisch. Sondern sachlich und lösungsorientiert. Vielleicht auch deshalb, weil er die KAGes seit Jahrzehnten kennt. Bereits 1999 begann er als IT-Organisator im Unternehmen. Diese Zeit habe ihn geprägt, sagt er heute. „Nur wenn Projekte dem Patientennutzen dienen, sind sie weiterzuverfolgen.“ Es ist ein Satz, der viel über seinen Zugang verrät. Denn am Ende geht es für ihn offenbar weder um Digitalisierung noch um Strukturreformen allein. Sondern um die Frage, wie Gesundheitsversorgung auch in Zukunft funktionieren kann – menschlich, finanzierbar und modern zugleich. Oder anders formuliert: Das Krankenhaus der Zukunft braucht vielleicht mehr Technologie als je zuvor. Aber noch mehr braucht es Menschen, die wissen, warum sie eingesetzt wird.

Für Ulf Drabek bedeutet Zukunft nicht nur neue Technologie und moderne Medizin. Entscheidend sei auch, vorhandene Ressourcen klug zu nutzen und nachhaltig zu wirtschaften. „Nicht die Fläche heilt Menschen. Es sind die Menschen, die dort arbeiten.“

Diese Haltung prägt auch seinen Zugang zum Thema Umwelt und Nachhaltigkeit. Für ihn gehören Gesundheitsversorgung und Umweltschutz untrennbar zusammen.

 

Familie als Kraftquelle

Wer glaubt, ein KAGes-Vorstand könne nach Dienstschluss einfach abschalten, irrt. Strategische Entscheidungen, Personalfragen und Zukunftsprojekte begleiten Ulf Drabek oft auch nach Hause. Den wichtigsten Ausgleich findet er dennoch in seiner Familie. „Man muss mit seinem Zeitkontingent sorgsam umgehen. Die Zeit, die übrig bleibt, gehört bei mir ganz klar der Familie.“ Gemeinsam mit seiner Partnerin und den beiden kleinen Söhnen im Alter von zwei und vier Jahren verbringt er jede freie Minute. Die Kinder seien fordernd, sagt er mit einem Lächeln – gleichzeitig aber der beste Weg, den Kopf frei zu bekommen.

Besonders schätzt Ulf Drabek den unverstellten Blick seiner Kinder auf die Welt. „Kinder denken ohne Vorurteile. Sie zeigen uns, dass es oft mehr als nur einen Blickwinkel gibt.“

Freie Sonntage beginnen bei ihm mit einem gemütlichen Frühstück und enden meist im Kreis von Familie, Freunden oder Verwandten. Für frühere Hobbys bleibt aktuell wenig Zeit. Motorradfahren, Sport oder Skifahren mussten in den Hintergrund rücken. Eine Leidenschaft ist geblieben: „Mein Herz schlägt für den GAK. Die Heimspiele lasse ich mir nach Möglichkeit nicht entgehen.“

Und wann vergisst er, dass er Vorstand eines der größten Unternehmen des Landes ist? „Wenn ich einkaufen gehe oder privat unterwegs bin. Mir ist es nicht wichtig, als Vorstand erkannt zu werden.“    

 

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Wir reden viel über Strukturen und zu wenig über die Menschen dahinter

Ärztekammerpräsident Dr. Michael Sacherer zählt zu den jüngsten Standesvertretern Österreichs und kennt beide Seiten des Systems: die politische Verantwortung ebenso wie den fordernden Alltag im Krankenhaus. Im Gespräch spricht er über Ärztemangel, junge Mediziner, Reformbedarf, Prävention und darüber, warum gute Gesundheitsversorgung nur dann funktioniert, wenn die Menschen im Mittelpunkt stehen, die sie Tag für Tag tragen.

Herr Dr. Sacherer, Sie sind einer der jüngsten Ärztekammerpräsidenten Österreichs und gleichzeitig weiterhin im Krankenhaus tätig. Gab es einen Moment, in dem Sie sich gefragt haben: „Warum tue ich mir das eigentlich an?“ Und würden Sie diesen Weg heute noch einmal gehen?

Natürlich gibt es Momente, in denen man sich diese Frage stellt – vor allem an sehr langen Tagen. Aber ich glaube, wenn man Verantwortung übernimmt, dann weiß man auch, dass es nicht immer bequem ist. Ich würde den Weg wieder gehen, weil ich überzeugt bin, dass man Dinge nur dann sinnvoll mitgestalten kann, wenn man im Job bleibt.

 

Wie sehr verändert Ihre tägliche Arbeit im Krankenhaus Ihren Blick auf gesundheitspolitische Entscheidungen – und was ist eine unbequeme Wahrheit über unser Gesundheitssystem, die zu selten offen ausgesprochen wird?

Die tägliche Arbeit im Krankenhaus erdet viele Diskussionen. Man sieht sehr schnell, was in der Theorie gut klingt und in der Praxis nicht funktioniert. Eine unbequeme Wahrheit ist vielleicht, dass wir sehr viel über Strukturen reden, aber oft zu wenig darüber, wie belastet die Menschen sind, die dieses System jeden Tag tragen.

 

Viele junge Ärzte verlassen das System. Was läuft hier grundlegend falsch – und was wird in dieser Debatte oft missverstanden?

Ich glaube, es geht weniger um fehlende Motivation als um die Rahmenbedingungen. Viele junge Kolleginnen und Kollegen wollen sehr wohl im System arbeiten, aber sie wollen auch Planbarkeit, gute Ausbildung und ein Arbeitsumfeld, das langfristig tragfähig ist. Oft wird missverstanden, dass es um Wertschätzung und Perspektiven und nicht nur ums Geld geht.

Was war rückblickend Ihre schwierigste Entscheidung als Arzt – unabhängig von Ihrer Funktion?

Die schwierigsten Entscheidungen sind immer jene, bei denen es keine ideale Lösung gibt. Gerade in der Medizin gibt es Situationen, in denen man zwischen mehreren nicht perfekten Wegen abwägen muss. Das bleibt einem auch dann in Erinnerung, wenn man fachlich weiß, dass man verantwortungsvoll entschieden hat.

 

Sie sprechen oft von Zusammenarbeit: Wo endet für Sie der Kompromiss – und wo beginnt klare Haltung?

Zusammenarbeit ist wichtig, aber sie darf nicht dazu führen, dass wesentliche Punkte verwässert werden. Beim Kompromiss geht es darum, Lösungen zu finden. Klare Haltung braucht es dort, wo es um Versorgungsqualität, Ausbildung oder faire Arbeitsbedingungen geht.

 

Wenn Sie eine einzige Sache im Gesundheitssystem sofort ändern könnten: Welche wäre das – und ist das System Ihrer Meinung nach noch reformierbar oder braucht es einen echten Neustart?

Wenn ich eine Sache sofort ändern könnte, dann wäre das eine bessere Patientenlenkung im System. Wir brauchen mehr Orientierung, mehr Hausverstand in den Abläufen und auch mehr Bewusstsein dafür, welche Anlaufstelle für welches Problem die richtige ist. Dazu gehört aus meiner Sicht auch Patientenbildung – also verständlich zu vermitteln, wie unser Gesundheitssystem funktioniert und wo Eigenverantwortung sinnvoll und notwendig ist.

 

Wie viel Politik verträgt die Medizin – und wie viel medizinische Realität fehlt der Politik?

Medizin und Politik lassen sich nicht trennen, weil Gesundheitsversorgung immer auch organisiert und finanziert werden muss. Gleichzeitig wäre es wichtig, dass politische Entscheidungen noch stärker an der tatsächlichen Versorgungsrealität orientiert werden. Zwischen Papier und Alltag gibt es oft einen recht deutlichen Unterschied. Die Politik trägt mit ihren Entscheidungen aber auch Verantwortung für die Zukunft. Gesundheitspolitische Entscheidungen von heute prägen die Zukunft für morgen. 

 

Wie sieht für Sie ein funktionierendes Gesundheitssystem in zehn Jahren konkret aus – und können wir uns die aktuelle Versorgung langfristig überhaupt noch leisten?

Ein funktionierendes System ist für mich eines, in dem Patientinnen und Patienten rasch die richtige Versorgung bekommen und in dem alle Berufsgruppen gut zusammenarbeiten. Dazu braucht es klare Zuständigkeiten, moderne Prozesse und attraktive Arbeitsbedingungen. Nur wenn Redundanzen vermieden werden und die Versorgung an der richtigen Stelle passiert, werden wir uns die moderne Medizin von morgen leisten können.

Welche Entwicklungen werden das System tatsächlich verändern – etwa neue Arbeitsmodelle oder Digitalisierung – und was wird Ihrer Meinung nach überschätzt?

Neue Arbeitsmodelle werden sicher eine große Rolle spielen, ebenso eine sinnvolle Digitalisierung. Beides kann helfen, Versorgung besser zu organisieren und den Arbeitsalltag zu erleichtern – ganz besonders für Ärztinnen mit Betreuungspflichten. Überschätzt wird manchmal die Vorstellung, dass technische Lösungen allein strukturelle Probleme lösen können. Die direkte Interaktion zwischen Ärztinnen und Ärzten und Patient:innen wird derzeit noch stark geschätzt.

 

Was macht für Sie gute Führung in einem System, das permanent unter Druck steht – und wie gehen Sie persönlich mit Kritik um?

Gute Führung bedeutet für mich, Orientierung zu geben, ansprechbar zu sein und Entscheidungen nachvollziehbar zu machen. Gerade unter Druck ist Verlässlichkeit wichtig. In der Medizin gibt es immer wieder kritische Situationen, in denen entschlossenes Handeln Leben rettet. Kritik an Entscheidungen gehört dazu – man muss sie ernst nehmen, aber auch einordnen können.

Sie betonen Prävention: Warum handeln wir als Gesellschaft trotzdem oft zu spät – und was tun Sie persönlich für Ihre eigene Gesundheit?

Prävention ist weniger plakativ als akute Behandlung, deshalb bekommt sie im Alltag nicht immer die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Viele Dinge wissen wir eigentlich, setzen sie aber zu wenig konsequent um. Ich persönlich versuche, auf Bewegung als Ausgleich und einen gewissen Rhythmus im Alltag zu achten – auch wenn das nicht immer perfekt gelingt.

 

Was hat Sie in den letzten Jahren persönlich am meisten geprägt – außerhalb der Medizin? Gibt es etwas, das Ihnen im Alltag oft zu kurz kommt – und wann fühlen Sie sich wirklich zufrieden, unabhängig vom beruflichen Erfolg?

Geprägt haben mich vor allem persönliche Begegnungen und die Erfahrung, wie wichtig ein stabiles privates Umfeld ist. Zu kurz kommt im Alltag wahrscheinlich manchmal die echte freie Zeit ohne Taktung. Wirklich zufrieden bin ich dann, wenn Dinge im Kleinen gut gelingen und auch abseits der Arbeit Raum für Familie, Ruhe und Sport bleibt.

 

Was würde man über Sie nicht erwarten, wenn man Sie nur in Ihrer Funktion kennt – und wann haben Sie zuletzt etwas ganz Neues ausprobiert?

Ich koche leidenschaftlich gerne für Familie und Freunde. Was Neues ausprobiert habe ich auch erst vor kurzem, ich war mit meiner Familie bei einem Töpferkurs.

 

Sie wollten ursprünglich Koch werden: Wenn Sie heute für Freunde kochen – was kommt auf den Tisch, und ist das für Sie eher Ausgleich oder Perfektion?

Zuletzt habe ich Spargel gekocht. Diese saisonale Spezialität ist vielseitig einsetzbar zB mit Fleisch und Pasta. Es ist für mich ideal, das Schöne mit dem Nützlichen zu verbinden – besonders lustig ist es, mit den Kindern frische Zutaten einkaufen zu gehen.

 

Wenn Sie morgen einen Tag komplett frei hätten – ohne Verpflichtungen: Wie würde der aussehen?

Wahrscheinlich ziemlich unspektakulär – ausschlafen, in Ruhe frühstücken, Zeit mit der Familie verbringen, Bewegung an der frischen Luft – ich freue mich, bald wieder klettern zu gehen. Gerade weil der Alltag oft dicht ist, weiß man solche freien Tage besonders zu schätzen.

 

Danke für das Gespräch.

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Zwischen Schöckl, Schloßberg und Badespaß

Vom Sanierer zum Freizeit-Gestalter: Warum Dr. Oliver Wieser bei der Holding Freizeit auf Lebensqualität, neue Ideen und starke Teams setzt.

Oliver Wieser ist keiner, der lange über Probleme redet. Er spricht lieber über Möglichkeiten. Vielleicht ist das kein Zufall. Der gebürtige Grazer hat einen Großteil seiner beruflichen Laufbahn damit verbracht, Unternehmen erfolgreich weiterzuentwickeln und auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten.

Heute steht er an der Spitze der Holding Freizeit Graz – jenes Unternehmens, das mit dem Schöckl, den Grazer Bädern, dem Schloßberg, dem Hilmteich, dem Thalersee und zahlreichen weiteren Einrichtungen für einen wesentlichen Teil der Lebensqualität in der Stadt verantwortlich ist. Eine Aufgabe, die ihn sofort begeistert hat. „Freizeit ist ein Produkt, das jeder haben will. Das muss man niemandem verkaufen.“

Genau darin liegt für ihn der besondere Reiz seiner neuen Funktion. Nach vielen Jahren in der Privatwirtschaft wollte er noch einmal etwas Neues wagen – bewusst in Graz, bewusst in seiner Heimat.

Der studierte Betriebswirt startete seine Karriere im Finanzbereich, bevor er sich über viele Jahre auf Restrukturierungs- und Transformationsprozesse spezialisierte. Unternehmen neu aufzustellen, Abläufe zu modernisieren und Organisationen zukunftsfit zu machen, wurde zu seinem beruflichen Schwerpunkt. Zuletzt war er in der Automobilbranche tätig und begleitete dort umfassende Modernisierungsprozesse. Erfahrungen, die ihm nun auch bei der Holding Freizeit zugutekommen. Dabei versteht sich Wieser keineswegs als klassischer Verwalter. Vielmehr sieht er seine Aufgabe darin, Potenziale sichtbar zu machen und Menschen für gemeinsame Ziele zu begeistern.

„Das ist etwas, das ich besonders gerne mache“, sagt er. „Mitarbeiter mitzunehmen, zu motivieren und gemeinsam etwas weiterzuentwickeln.“ Umso positiver überrascht war er von seinem ersten Eindruck innerhalb der Holding Freizeit.

„Die Motivation der Mitarbeiter und Führungskräfte war für mich von Anfang an spürbar. Der Wille, Ideen einzubringen und etwas zu bewegen, ist enorm.“ Für Oliver Wieser ist genau das die wichtigste Voraussetzung für Erfolg. Denn neue Ideen entstehen nicht in Organigrammen, sondern durch Menschen, die Verantwortung übernehmen und gestalten wollen.

Fragt man den neuen Geschäftsführer, wie er die Holding Freizeit in drei Begriffen beschreiben würde, kommt die Antwort ohne langes Überlegen: „Berg. Wasser. Kulinarik.“

Dahinter verbirgt sich ein breites Angebotsspektrum, das viele Grazer oft ganz selbstverständlich nutzen. Von der Schöcklbahn über die Auster und die Freibäder bis hin zum Schloßbergrestaurant, dem Café Rosenhain, dem Hilmteich oder dem Thalersee.

Gerade diese Vielfalt sieht Oliver Wieser als eine der größten Stärken des Unternehmens. „Wir haben unglaublich viele gute Angebote. Viele davon sind bekannt, andere könnten noch stärker ins Bewusstsein der Menschen gerückt werden.“ Besonders die Bäderlandschaft mit der Auster, dem Bad zur Sonne, dem Augartenbad, dem Stukitzbad, dem Margaretenbad oder dem Bad Straßgang sei ein wichtiger Bestandteil der Grazer Lebensqualität.

Dabei gehe es nicht nur um Schwimmen oder Wellness. Oft seien es die kleinen Besonderheiten, die Menschen begeistern. Oliver Wieser nennt als Beispiel die Themen-Aufgüsse in den Saunabereichen. „Wir haben hervorragende Saunameister. Manche Gäste kommen ganz gezielt wegen bestimmter Aufgüsse zu uns.“

Stillstand ist für Ihn keine Option. Auch wenn Bewährtes erhalten bleiben soll, müsse man immer wieder Neues ausprobieren. Ein Beispiel dafür ist Teqball – eine Mischung aus Fußball und Tischtennis –, die heuer in mehreren Grazer Freibädern angeboten wird. Gerade junge Menschen seien offen für neue Trendsportarten und Freizeitangebote. „Natürlich wird nicht jede Idee sofort ein Erfolg. Aber wenn man nichts ausprobiert, wird man auch nichts weiterentwickeln.“ Ähnlich sieht er die Zukunft des Schöckls. Der Grazer Hausberg sei weit mehr als nur ein Wanderziel. Gleichzeitig gelte es, seine besondere Atmosphäre zu bewahren. „Der Schöckl soll kein Disneyland werden“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Statt spektakulärer Großprojekte setzt er auf eine behutsame Weiterentwicklung. Neue Angebote ja – aber immer mit Respekt vor Natur, Landschaft und regionaler Identität.

Für Oliver Wieser geht es letztlich um weit mehr als einzelne Standorte oder Freizeitangebote. Er sieht die Holding Freizeit als wichtigen Baustein für die Zukunft der Stadt. „Unser Ziel ist es, einen wesentlichen Beitrag dazu zu leisten, dass Graz eine lebenswerte Stadt bleibt – oder vielleicht sogar noch lebenswerter wird.“ Dabei spielen der Schloßberg und der Schöckl ebenso eine Rolle wie die Grazer Bäder, die Naherholungsgebiete oder die gastronomischen Betriebe. Es gehe darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen entspannen, Sport treiben, Zeit mit ihren Familien verbringen oder einfach einmal durchatmen können.

Trotz seiner Managementkarriere ist Oliver Wieser tief in Graz verwurzelt. Seit Jahren engagiert er sich als Obmann des Grazer Sportklubs und setzt sich mit großer Leidenschaft für den Nachwuchssport ein. Fast 300 Kinder und Jugendliche trainieren dort regelmäßig. Für Ihn ist Sport weit mehr als körperliche Betätigung. Er vermittelt Werte, schafft Gemeinschaft und bringt Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammen. Ein weiteres Herzensprojekt ist das Hallenfußballturnier des Lions Club Graz, das er gemeinsam mit engagierten Partnern aufgebaut hat. Die Veranstaltung hat sich längst zum größten Hallenfußballturnier Österreichs entwickelt. Jahr für Jahr kommen mehr als 3.000 Besucher in den Sportpark Graz, um ehemalige Größen von Sturm Graz, GAK, Austria Wien und anderen Traditionsvereinen zu erleben. Der gesamte Erlös fließt in soziale Projekte. „Etwas zurückzugeben, ist mir wichtig“. Und wie verbringt jemand seine Freizeit, der beruflich für Freizeit verantwortlich ist? Die Antwort fällt unkompliziert aus: möglichst aktiv. Gemeinsam mit seiner Familie und seinem Tibetterrier Car-Kha ist Wieser gerne in der Natur unterwegs. Auch der Sport nimmt weiterhin einen wichtigen Platz in seinem Leben ein. Wenn er abschalten möchte, zieht es ihn oft in die Südsteiermark. Dabei hat er durchaus internationale Erfahrung gesammelt, in Irland und England studiert und beruflich viele Regionen kennengelernt.

Trotzdem kommt er immer wieder zum gleichen Schluss: „Das Gute liegt oft ganz nah.“

Ein Satz, der vielleicht nicht nur seine persönliche Haltung beschreibt, sondern auch seine Vision für die Holding Freizeit Graz. Die schönsten Erlebnisse müssen nicht weit entfernt sein. Oft liegen sie direkt vor der eigenen Haustür – am Schöckl, am Schloßberg oder an einem Sommertag im Freibad.

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Wenn das Zuhause nicht mehr trägt und ein neuer Halt entsteht

In der SOS-Kinderdorf Wohngruppe in Graz-Straßgang finden jugendliche Mädchen in schwierigen Lebenssituationen Stabilität, Beziehung und die Chance auf einen neuen Anfang.

Ein leises Klopfen an der Tür, nicht von einem Menschen, sondern von einem Hund. Dahinter ein Mädchen, verzweifelt, überfordert, nicht bereit zu sprechen. Doch als sie erkennt, wer vor der Tür steht, öffnet sie. Es ist DINO, der Therapiehund. Er darf hinein, bleibt einfach da. Am nächsten Morgen klopft er wieder. Und diesmal ist alles ein bisschen leichter. Es sind solche Momente, die zeigen, worum es im Mädchenwohnen Straßgang in Graz geht: um Vertrauen, um Beziehung – und um die leise, aber kraftvolle Hoffnung, dass sich selbst schwierige Lebensgeschichten wieder zum Guten wenden können.

Im neu gebauten Haus leben derzeit elf Mädchen. Ein zwölfköpfiges Team stellt hier rund um die Uhr jeweils zu zweit die Betreuung sicher.  Seit März 2026 ist die Wohngruppe wieder hier eingezogen – in ein Umfeld, das bewusst wohnlich gestaltet wurde. Jedes Mädchen hat ein eigenes Zimmer, einen eigenen Schlüssel, Rückzugsmöglichkeiten und Privatsphäre. Für ältere Jugendliche gibt es sogar kleine Garçonnièren als Zwischenschritt in ein eigenständiges Leben. „Eine gute Beziehung ist unser wichtigstes Werkzeug – wir haben ja sonst nichts“, sagt Pädagogischer Leiter Leopold Auer, der seit vielen Jahren im SOS-Kinderdorf tätig ist. Hier begegnet man sich auf Augenhöhe, man ist per Du, hört zu und bleibt verlässlich an der Seite der Mädchen.

Der Weg hierher ist selten freiwillig. Die Jugendlichen kommen über die Kinder- und Jugendhilfe Österreich, wenn das Leben im Elternhaus nicht mehr stabil genug ist oder Krisen eskalieren. Gewalt, Missbrauch, Suchtprobleme oder psychische Erkrankungen in der Familie gehören zu den häufigsten Gründen. Oft sind es aber nicht einzelne Auslöser, sondern ein Zusammenspiel vieler Belastungen, die Familien an ihre Grenzen bringen. „Niemand ist davor gefeit, in eine Krise zu geraten“, betont Auer. Gleichzeitig wird deutlich, dass sich die Problemlagen in den letzten Jahren verschärft haben. Die Fälle sind komplexer geworden, Traumatisierungen reichen oft weit zurück und betreffen nicht selten mehrere Generationen. Psychotherapeutin Elena Schirenc spricht von sogenannten transgenerationalen Traumata, die weitergegeben werden und sich in den Lebensgeschichten der Jugendlichen widerspiegeln.

Die Mädchen sind in der Regel zwischen 10 und 18 Jahre alt, aktuell die jüngsten 15. In manchen Fällen können sie auch länger bleiben, wenn es für ihre Entwicklung notwendig ist. Wie sie diesen Schritt erleben, ist ganz unterschiedlich. Manche kommen ängstlich und verschlossen, andere sind wütend oder bereits sehr reflektiert und wissen genau, was sie verändern wollen. Es gibt Jugendliche, die direkt von zuhause kommen, andere haben bereits mehrere Einrichtungen hinter sich. Was sie verbindet, ist die Hoffnung, dass es besser werden kann – auch wenn diese oft gut versteckt ist.

Der Alltag im Mädchenwohnen ist klar strukturiert, aber flexibel angepasst. Schule, Ausbildung oder Arbeit spielen eine zentrale Rolle. Viele schaffen ihren Schulabschluss hier oder holen Versäumtes nach. Gleichzeitig geht es darum, Schritt für Schritt wieder Vertrauen in sich selbst zu entwickeln. Einmal pro Woche gibt es ein Gruppengespräch, doch auch außerhalb dieser Termine gilt: Die Tür steht immer offen. Halt entsteht durch Verlässlichkeit, durch Ansprechpartner, durch kleine Rituale. Und oft sind es die leisen Veränderungen, die zeigen, dass sich etwas bewegt. Wenn ein Mädchen wieder beginnt, auf sich zu achten, ihr Zimmer ordnet, hinausgeht, Freunde trifft oder offener wird – dann ist das ein Zeichen, dass Stabilität zurückkehrt.

Die Arbeit ist nicht immer einfach. Rückschläge gehören dazu, ebenso wie belastende Situationen, in denen rasch gehandelt werden muss. Das Team arbeitet eng zusammen, reflektiert regelmäßig und holt sich Unterstützung, wenn es notwendig ist. Denn die Herausforderungen sind groß. Auch die digitale Welt spielt dabei eine wichtige Rolle. Soziale Medien beeinflussen den Selbstwert vieler Mädchen, verstärken Ängste und vermitteln oft unrealistische Bilder. Gleichzeitig fehlen echte Begegnungen, was die Entwicklung zusätzlich erschwert. Dennoch wird das Thema differenziert betrachtet. Smartphones sind erlaubt, der Umgang damit wird begleitet und angepasst, wenn Probleme auftreten.

Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit ist auch die Einbindung der Familie. So weit es möglich und sinnvoll ist, werden Eltern einbezogen, Kontakte gepflegt und Beziehungen gestärkt. Viele Mädchen besuchen ihre Familien am Wochenende, Versöhnung ist keine Seltenheit. Gleichzeitig lernen sie, ihre sozialen Kontakte zu reflektieren und Entscheidungen bewusster zu treffen. Freundschaften sind wichtig, werden aber auch hinterfragt, wenn sie nicht guttun. Besuch ist im Mädchenwohnen grundsätzlich möglich – das Haus ist kein abgeschotteter Raum, sondern ein Ort mit klaren Regeln und gleichzeitig einem hohen Maß an Vertrauen.

Mit der Zeit geht es immer stärker in Richtung Selbstständigkeit. Der erste Schritt ist oft der Umzug innerhalb des Hauses in eine Garçonnière, später folgt betreutes Wohnen in eigenen Wohnungen. Ziel ist es, die Mädchen auf ein eigenständiges Leben vorzubereiten, ohne sie dabei allein zu lassen. Erfolg zeigt sich dabei auf ganz unterschiedliche Weise. Manchmal in kleinen Fortschritten im Alltag, manchmal Jahre später, wenn ehemalige Bewohnerinnen anrufen, sich bedanken oder sogar mit ihrer eigenen Familie zu Besuch kommen. „Die gute Nachricht ist, dass sich die meisten Fälle positiv entwickeln“, sagt Auer. „Das ist es, was uns trägt.“

Was Jugendliche heute am meisten brauchen, ist für das Team klar: Stabilität, Sicherheit, Orientierung, Zuwendung und das Gefühl, gesehen und verstanden zu werden. Genau das versucht das Mädchenwohnen jeden Tag zu geben – still, verlässlich und mit der Überzeugung, dass aus schwierigen Ausgangslagen wieder Zuversicht entstehen kann.

 

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