Ein Grazer für „Jedermann“
Julian Weigend kehrt als Jedermann nach Graz zurück – und erzählt von Heimat, Haltung und den wirklich wichtigen Dingen im Leben. Manche Menschen beantworten Fragen. Andere erzählen Geschichten. Julian Weigend gehört zur zweiten Kategorie.
Eigentlich sollte es ein Gespräch über den „Jedermann“ werden. Über die bevorstehenden Aufführungen auf den Grazer Kasematten, über Theater, über eine der bedeutendsten Rollen der deutschsprachigen Bühnenliteratur. Doch schon nach wenigen Minuten wird klar, dass sich dieses Treffen nicht auf Premieren, Rollenarbeit oder Karriereplanung reduzieren lässt. Dafür denkt Julian Weigend zu sehr in Zusammenhängen. Zu sehr über das Leben. Über Menschen. Über Verantwortung.
Der gebürtige Grazer sitzt entspannt da, spricht ruhig, überlegt und ohne jede Spur jener Eitelkeit, die man in seiner Branche manchmal vermuten würde. Stattdessen begegnet man einem ein Mann, der in den vergangenen Jahrzehnten viel erlebt hat und daraus offenbar etwas Wertvolles mitgenommen hat: Gelassenheit.
Dabei begann alles denkbar unspektakulär. Schauspieler zu werden war ursprünglich gar nicht der große Lebenstraum des jungen Julian Weigend. Flugzeugmechaniker hätte er sich vorstellen können. Ein Berufswunsch, über den er heute herzlich lachen kann. Technische Begabung, sagt er selbst, sei nie seine größte Stärke gewesen. Die Bühne hingegen schon.
Am BORG in der Monsbergergasse entdeckte er seine Leidenschaft für das Schultheater. Dort fiel er dem legendären Grazer Theatermann Franz Friedrich auf, der sein Talent erkannte und ihn auf die Aufnahmeprüfung vorbereitete. 1988 wurde Weigend an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Graz aufgenommen – einer von zehn Kandidaten aus rund 1.200 Bewerbern. Ein Moment, der sein Leben verändern sollte.
Dennoch verlief seine Karriere nie entlang jener klassischen Erfolgsrezepte, die man heute oft mit der Branche verbindet. Früh entschied er sich gegen den vermeintlich prestigeträchtigeren Weg und für die Erfahrung. Selbst ein Angebot des Burgtheaters schlug er aus. Statt eines großen Namens wollte er vor allem eines: spielen.
Und spielen sollte er. An großen Bühnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, bei renommierten Festspielen, in klassischen Rollen und später vor der Kamera. Der Sprung ins Fernsehen gelang über einen Anruf, den er zunächst selbst kaum ernst nehmen konnte. Ein Casting für Schimanski. Wenige Wochen später stand er tatsächlich vor der Kamera und arbeitete mit Götz George, den er bis heute als wichtigen Wegbegleiter bezeichnet. Von ihm habe er gelernt, was Professionalität wirklich bedeutet, erzählt Weigend. Vorbereitung. Ernsthaftigkeit. Haltung.
Es folgten zahlreiche Film- und Fernsehproduktionen. Ob bei Schimanski, in erfolgreichen TV-Reihen oder als düsterer Ruppertus Splendidus in der Verfilmung der „Wanderhure“ – Millionen Zuschauer kennen sein Gesicht. Doch obwohl er zu den bekanntesten österreichischen Schauspielern im deutschen Fernsehen zählt, ist man bei Julian Weigend nie versucht, das Wort Star zu verwenden.
Ein Wort fällt während des Gesprächs immer wieder, Haltung. Nicht als politische Parole. Nicht als modisches Schlagwort. Sondern als innere Ausrichtung. Vielleicht ist es überhaupt der Schlüssel, um Julian Weigend zu verstehen.
Er spricht über die Schauspielerei, als wäre sie weniger Beruf als lebenslanger Lernprozess. Menschen, die glauben, irgendwann ausgelernt zu haben, betrachtet er mit Skepsis. Stillstand sei das größte Gift, sagt er. Wer aufhöre, sich weiterzuentwickeln, beginne innerlich zu erstarren.
Es sind Gedanken, die erstaunlich gut zu jener Rolle passen, mit der er im kommenden September nach Graz zurückkehrt. Der Jedermann. Kaum eine Figur der Theaterliteratur stellt die großen Fragen des Lebens so kompromisslos wie Hofmannsthals berühmter reicher Mann. Was bleibt von einem Menschen, wenn Besitz, Status und Einfluss plötzlich bedeutungslos werden? Was zählt wirklich? Worauf kommt es am Ende an? Für Weigend liegt genau darin die zeitlose Kraft dieses Stückes.
Der Jedermann, sagt er, sei weit mehr als eine einzelne Figur. Er sei eine Metapher. Ein Spiegel. Jeder Mensch könne sich in diesem Stück wiederfinden, unabhängig von Alter, Herkunft oder Lebenssituation. Gerade deshalb funktioniere es auch heute noch so unmittelbar.
Dass er diese Rolle nun ausgerechnet in seiner Heimatstadt spielen darf, bedeutet ihm spürbar viel. „Heimat sitzt im Zellkern“, sagt er an einer Stelle des Gesprächs. Ein Satz, der hängen bleibt. Vielleicht weil er so einfach ist. Vielleicht weil er stimmt.
Nach Jahrzehnten in Berlin genießt Julian Weigend die Rückkehr nach Graz heute mehr denn je. Die Stadt habe eine besondere Energie, sagt er. Eine Herzlichkeit. Eine Gelassenheit. Etwas, das ihn immer wieder erdet.
Überhaupt scheint Erdung ein wichtiges Thema in seinem Leben geworden zu sein. Man merkt es, wenn er über seine Ehe spricht. Über seine Frau Maya. Über das Gleichgewicht zwischen einem Ich, einem Du und einem Wir. Man merkt es, wenn er über Beziehungen spricht, über Augenhöhe, gegenseitigen Respekt und die Bereitschaft, an sich selbst zu arbeiten. Und man merkt es besonders dann, wenn das Gespräch plötzlich eine sehr persönliche Wendung nimmt. 2016 erlitt Julian Weigend einen Herzstillstand. Seine Frau rettete ihm das Leben.
Es ist einer jener Momente, die einen Menschen verändern. Und vielleicht erklärt diese Erfahrung auch, warum er heute so selbstverständlich über Vergänglichkeit sprechen kann. Warum ihn die Themen des Jedermann nicht nur als Schauspieler beschäftigen, sondern auch als Mensch.
Angst vor dem Tod habe er keine, sagt er. Was ihn vielmehr beschäftigt, ist der Umgang der Menschen miteinander. Die zunehmende Rauheit. Die fehlende Wertschätzung. Das ständige Kreisen um das eigene Ego. Dabei klingt nichts davon verbittert. Eher nachdenklich. Fast so, als wünsche er sich manchmal eine Welt, in der Menschen wieder etwas genauer hinschauen würden. Auf andere. Vor allem aber auf sich selbst. „Wenn jeder zuerst vor seiner eigenen Tür kehren würde, hätten wir viele Probleme gar nicht“, sagt er. Es ist ein Satz, der ebenso gut aus einem Theaterstück stammen könnte. Vielleicht sogar aus dem Jedermann.
Wenn Julian Weigend im September auf den Kasematten stehen wird, wird das Publikum einen erfahrenen Schauspieler erleben. Einen Publikumsliebling aus Film und Fernsehen. Einen erfolgreichen Theatermann. Wer ihm jedoch zuhört, begegnet vor allem einem Menschen, der trotz aller Erfolge neugierig geblieben ist. Der sich Fragen stellt. Der nicht glaubt, bereits alles zu wissen. Und der verstanden hat, dass die wirklich wichtigen Dinge selten laut sind.
Vielleicht freut er sich deshalb nach einem langen Arbeitstag am meisten über einen Spaziergang mit seiner Frau Maya und den Hunden im Wald und vielleicht liegt genau darin die Antwort auf jene große Frage, die über dem gesamten Jedermann schwebt. Was bleibt?
Im September wird Julian Weigend auf den Kasematten stehen. Und selten hat eine Rolle wohl besser zu einem Menschen gepasst als diese.
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